Traditionell bestreiten die Wiener Symphoniker in ihrer zweiten (Sommer-)Heimat im Rahmen der Bregenzer Festspiele jeweils nicht nur die Opernaufführungen auf der Seebühne, sondern auch drei Symphoniekonzerte im Festspielhaus, jeweils mit Gastdirigenten. Im ersten Konzert der diesjährigen Saison trat der Kolumbianer Andrés Orozco-Estrada zum ersten Mal vor das Festspielpublikum. Er ist designierter Chefdirigent des Orchesters, mit Amtsantritt 2021. Das Programm bot als Auftakt ein selten gespieltes Werk von Bohuslav Martinů, gefolgt von „sicheren” Werten – Dvořáks Te Deum und Neunte Symphonie.

Mojca Bitenc, Andrés Orozco-Estrada, Dariusz Perczak und die Wiener Symphoniker © Bregenzer Festspiele | Lisa Mathis
Mojca Bitenc, Andrés Orozco-Estrada, Dariusz Perczak und die Wiener Symphoniker
© Bregenzer Festspiele | Lisa Mathis

Zu Beginn stand MartinůsDoppelkonzert, mit dem Tschechen Ivo Kahánek am Klavier. Das Stück, das 1938 von Paul Sacher in Auftrag gegeben wurde, realisiert eine interessante Idee: das „Doppel” bezieht sich nicht auf die beiden Soloinstrumente Klavier und Pauke (Michael Vladar), sondern auf die zwei sich gegenübersitzenden Streichorchester, die sich wechselseitig (komplementär oder im Kanon) ergänzen, sich gelegentlich auch Motive übergeben. Das Klavier spielt dabei mit Ausnahme des Mittelsatzes weniger eine Rolle als Soloinstrument, sondern ist eher der akustische Koordinator, Angelpunkt zwischen den Streichergruppen. Die Musik beginnt ganz im Stil von Strawinskys Ballets russes, wächst aber rasch in Martinůs’ eigenes Idiom. Die Sorgen und Ängste um die Geschehnisse in Tschechien drücken der Komposition allerdings ihren deutlichen Stempel auf. Die Problematik liegt in der Realisierung, beginnend bei der Aufstellung. Das Werk ist rhythmisch sehr anspruchsvoll, speziell für den Dirigenten, der beständig mit beiden Orchestern Kontakt halten muss. Deshalb also die Aufstellung des Flügels ohne Deckel im Hintergrund, zwischen den Streichergruppen. Das erlaubte Pianist und Dirigent, sich gegenseitig im Auge zu behalten. Das Konzept scheint schlüssig, doch ergaben sich bei der Realisierung Schwierigkeiten, wenn auch nicht für die Interpreten. Orchester, Pianist und Dirigent gaben sich keine Blöße; die Koordination im Orchester war perfekt, klanglich und in der Artikulation ließen die Streicher keinerlei Wünsche offen, Orozco-Estrada manövrierte mit klarer Gestik durch die raschen rhythmischen Wechsel. Allerdings blieben selbst in der trockenen Theaterakustik des Festspielhauses die beiden Orchesterhälften zu wenig differenziert, selbständig wahrnehmbar. Wichtiger noch, das Klavier wurde in der Tiefe des Bühnenraumes oftmals übertönt, hatte zu wenig Präsenz. Mangels fokussierenden Deckels streute der Schall in den Bühnenraum, Details gingen für das Publikum verloren. Ein Hörgenuss war das Werk trotzdem. Es war: rhythmisch hinreißend in den schnellen Sätzen, oftmals beklemmend, speziell die Klimax im ersten Teil des Mittelsatzes. Gelegentlich scheint die Musik auf eine harmonische Auflösung zu zielen, die sich der Komponist aber versagt. Kahánek nahm das Andante der zentralen Kadenz (das einzige wirkliche Solo) ziemlich flüssig, wodurch der Grundpuls stets fühlbar blieb und das Aleatorische, das rhythmisch scheinbar unabhängige Nebeneinander der beiden Hände kaum wahrnehmbar wurde.

Wiener Symphoniker und der Prager Philharmonische Chor © Bregenzer Festspiele | Lisa Mathis
Wiener Symphoniker und der Prager Philharmonische Chor
© Bregenzer Festspiele | Lisa Mathis

Dvořáks Te Deum mag in Teilen ungewohnt kompakt und plakativ erscheinen, was vermutlich dem Anlass der Komposition, der 400-Jahrfeier der Entdeckung Amerikas, und zugleich Dvořáks Einstand als Leiter des National Conservatory of Music in New York, geschuldet ist. Das – gelegentlich allzu – eingängige Werk erlaubte jedoch den 80 Sängerinnen und Sängern des Prager Philharmonischen Chors, ihre Qualitäten auf international professionellem Niveau zu präsentieren: den vollen, ausgeglichenen, homogenen  Klang, Klarheit in den Koloraturen, ausgezeichnete Höhen bei Sopranen und Tenören, wie auch hervorragende Sonorität selbst im feinen Pianissimo; zumal aus der Tiefe des Bühnenraumes. Die Sopranistin Mojca Bitenc verfügt über eine volle, tragfähige, dramatische Stimme, vielleicht etwas schwer im Vibrato, und mit einer gewissen Tendenz, Töne von unten anzusingen und gelegentlich leicht zu verschleifen. Dem Bariton Dariusz Perczak fehlt es in der Tiefe an Tragfähigkeit. Er sang seinen Part opernhaft, unterstrich dies durch nur bedingt passende Gestik mit beiden Armen. In Duetten verschwand seine Stimme gelegentlich neben der dominierenden Sopranistin.

Nach der Pause schließlich – als pièce de résistance – Dvořáks Symphonie Nr. 9. Die Orchesterleistung war erwartungsgemäß weitgehend untadelig. Eine gewisse Einschränkung lag allenfalls darin, dass sich der Klang der Blechbläser zu wenig mit den anderen Instrumenten mischte, nicht immer gut dosiert schien (gelegentlich schwach, dann in den Trompeten wieder recht grell). Dies ist wohl Großteils der Akustik zuzuschreiben. Letztere erschwerte den Beginn, schien es doch beinahe unmöglich, im Pianissimo-Beginn die Spannung über die Generalpausen zu halten, schon kleinste Publikumsgeräusche störten. Orozco-Estrada pflegte einen sehr freien Umgang mit dem Tempo, setzte mehr auf abrupte Wechsel denn auf Rubato. Mir fehlte vor allem in den beiden ersten Sätzen auch etwas die böhmische Agogik. Wirklich freizuspielen schienen sich Orchester und Dirigent erst im Scherzo und im Schlusssatz: die differenzierte Dynamik, die Spielfreude überzeugten, und die Bläser erhielten hier vermehrt Gelegenheit ihre Soli agogisch frei zu gestalten.