Ein Blick in den Konzertkalender von Matthias Pintscher liest sich beinahe wie die Routenbeschreibung zu einer Weltreise. Den aus dem nordrhein-westfälischen Marl stammenden Dirigenten und Komponisten führen Einladungen in internationale Konzertsäle und zu den wichtigsten Orchestern der Welt. Es ist ein Phänomen oder vielleicht sogar als ironisch zu bezeichnen, dass Pintscher ausgerechnet in seinem Heimatland den Status eines Geheimtipps zu haben scheint und eher einem Kennerpublikum als der breiten Masse bekannt ist. Doch gerade als Komponist zählt Pintscher sicherlich zu den arriviertesten seiner Generation und zeichnet sich als Dirigent durch Interpretationen aus, die ob größtmöglicher Narrativität begeistern.

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen © Eberhardt Hirsch
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
© Eberhardt Hirsch

Von Matthias Pintschers Können auf beiden Terrains konnte sich das Hamburger Publikum am vergangenen Freitag einmal mehr überzeugen. In der laufenden Konzertsaison war der Wahl-New Yorker bereits zum dritten Mal zu Gast in der Hansestadt und gastierte nun erstmals in der Elbphilharmonie. Mit dem französischen Pianisten Pierre-Laurent Aimard und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen hatte er dabei zwei herausragende Partner an seiner Seite.

In der ersten Hälfte stand das selten gespielte Klavierkonzert von Antonín Dvořák auf dem Programm. Dvořák, der seines Zeichens hauptsächlich in der sinfonischen Musik zu Hause war, hat auch in seinem Klavierkonzert einen gewissermaßen sinfonischen Stil gewählt. Es geht in seiner Komposition weniger darum, dass das Orchester vordringlich den Hintergrund für die virtuosen Kapriolen des Solisten bildet – nein, vielmehr möchte Dvořák ein Miteinander von zwei gleichberechtigten Parteien erzielen. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, die sich einen Ruf als Deutschlands demokratischstes Orchester gemacht hat und ohnehin auf starke Kommunikation untereinander setzt, erwies sich für dieses Unterfangen als ein ideales Ensemble.

Pierre-Laurent Aimard © Marco Borggreve | DG
Pierre-Laurent Aimard
© Marco Borggreve | DG

Von Anfang an zeigten sich die Musiker hellwach und musizierten jeden einzelnen Ton lustvoll und mit größter Freude. Die Streicher zeichneten sich durch einen herrlich strahlenden und dabei luftigen Klang aus, während Trompeten und Hörner eine kernige Basis lieferten. Absolut ebenbürtig zeigte sich Pierre-Laurent Aimard am Klavier: Strahlend-brillante Präzision in den Ecksätzen und eine hochgradig virtuos vorgetragenen Kadenz im ersten Satz untermauerten seinen Ruf als herausragender Pianist. Mit äußerstem Schmelz und gesetzter Dekadenz gestaltete der Franzose insbesondere den lyrisch-kantablen zweiten Satz und leuchtete die tiefgründigen Klangfarben mit größter Sorgfalt aus. Als Vermittler zwischen diesen beiden stark aufspielenden Partnern behielt Matthias Pintscher in jeder Sekunde die nötige Klarheit und sorgte mit einem niemals aufdringlichen oder gar den Freiraum der Musiker beschneidenden Dirigat für die nötige Ordnung im Dialog von Klavier und Orchester.

Dass die Bremer als – dem Namen nach – Kammerorchester selbstverständlich das durchsichtige Musizieren und Präzision an allen Pulten gewöhnt sind, zeigte sich ganz besonders eindrücklich in Matthias Pintschers Komposition Ex nihilo, die die zweite Konzerthälfte eröffnete. In diesem 2012 uraufgeführten Werk kleidet Pintscher in seiner so unverkennbaren Klangsprache ein wohl jedem bekanntes Alltagsphänomen in Töne: Es geht um das Aufschrecken aus dem Schlaf, das folgende Orientieren im Dunkel, an welchem Ort man eigentlich ist und das langsame Erkennen der Umgebung, etwaiger Möbel und dergleichen mehr. „Ich habe versucht, das visuelle Phänomen in eine Klangwelt zu übersetzen, indem ich dem Klang eine Kontur gegeben habe, der sich über eine gewisse Dauer entwickelt“, erklärt Pintscher selbst sein Werk.

Matthias Pintscher © Felix Broede
Matthias Pintscher
© Felix Broede
Das minimalistische und, wie der Titel schon sagt, aus dem Nichts aufklingende Stück profitierte ungemein von der präzisen Ausführung des Orchesters und der so fein ziselierten Akustik des Großen Saals der Elbphilharmonie. Hier war jede noch so kleine Abstufung in den Klangfarben zu hören, jede winzige Ausdifferenzierung der Dynamik aufs Genauste austariert. Die rund zehnminütige Entwicklung vom bloßen Geräusch hin zu einem Klang im weiteren Sinne gelang atemraubend und wurde von Pintscher mit äußerster Ruhe ausgekostet. Wenngleich sich die dem Werk immanente Spannung zunächst nicht recht auf das in der Summe ausgesprochen unruhige Publikum ausbreiten wollte, quittierten die Zuhörer diese Ausführung mit anhaltendem Applaus und sogar Bravo-Rufen.

Den Abschluss des Konzerts bildete dann mit Felix Mendelssohns Dritter Symphonie ein Jubiläumswerk: vor genau 175 Jahren hatte die sogenannte „Schottische“ nämlich ihre Uraufführung erlebt. Hier sollte sich nun noch einmal ganz besonders deutlich zeigen, wie sehr Pintscher es versteht, Kompositionen eine Geschichte erzählen zu lassen. Mendelssohns plastisch auskomponierte Schottlandreise lieferte ihm dazu den idealen Ausgangspunkt: die dramatische Sturmmusik im ersten Satz, das an Dudelsackklänge erinnernde Scherzo, der pathetische Trauergesang im dritten Satz und das erregt anhebende Finale, das sich in einen positiven Schlussgesang wandelt.

All das verstanden Pintscher und die Deutsche Kammerphilharmonie so frisch, zupackend und tiefgründig wie selten vor Ohren zu bringen. Gelegentliche Ansatzprobleme insbesondere in den Hörnern waren dabei schnell vergessen und wurden etwa von den munteren Holzbläsern alsbald wettgemacht. Die jubelnde Euphorie, die Pintscher das Orchester in den hymnischen Bläserchoral stecken ließ, wirkte auch auf das Publikum ansteckend. Für dessen begeisterten Applaus bedankten sich die Ausführenden mit dem fulminanten Finale von Beethovens Erster Symphonie als Zugabe und ließen einen rundum gelungenen Konzertabend beschwingt ausklingen.

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