In einem Maurice Ravel gewidmeten Programm demonstrierten Riccardo Chailly und das Lucerne Festival Orchestra eindrucksvoll ihr Können. Durch die zwanglose Verbindung mit La valse erhielten die Valses nobles et sentimentales eine zusätzliche Deutung, formten beide Werke ein plausibles Ganzes. Nach der Pause überzeugten die Musiker mit orchestralen Höchstleistungen in den beiden Fragments symphoniques aus Daphnis et Chloé. Selbst im Boléro, einem Stück „ganz ohne Musik” (so der Komponist), schaffte es Chailly, den Versuchungen und Klischeevorstellungen um dieses Werk aus dem Weg zu gehen und Ravels Meisterschaft in der Instrumentierung aufzuzeigen.

Riccardo Chailly © Lucerne Festival | Priska Ketterer
Riccardo Chailly
© Lucerne Festival | Priska Ketterer

Im Festspielzirkus gibt sich Prominenz aus aller Welt die Türklinke in die Hand. An diesem Abend spielte zwar das Hausorchester des Lucerne Festivals unter seinem Chefdirigenten, das Podium war aber dennoch mit internationaler Prominenz besetzt, wimmelt es im Orchester doch nur von Konzertmeistern und Solisten bekanntester Orchester, von Mitgliedern berühmter Kammermusikformationen. Zudem bildet ein Großteil des Mahler Chamber Orchestra das Rückgrat des Ensembles, einem bedeutsamen Teil der Hinterlassenschaft von Claudio Abbado. Vor zwei Jahren hatte Riccardo Chailly das Erbe seines einstigen Lehrers angetreten. Nun ist Chailly nicht Claudio, und es wäre verfehlt, von ersterem eine einfache Fortführung von Abbados Errungenschaft zu erwarten. Abbado war eine Art spiritueller Magier, der im Konzert den Musikern freie Hand zu lassen schien und es dennoch schaffte, eine einzigartige Atmosphäre aus dem Zauber des Augenblicks zu erzeugen. Chailly ist da ganz anders: er agierte als Maestro, dirigierte akkurat, behielt die Fäden in seiner Hand; so sehr, dass dem Konzertmeister nur eine untergeordnete Funktion zuzukommen schien. Dabei stellte er sich jedoch nicht ins Rampenlicht (das ist durchaus wortwörtlich zu verstehen), arbeitete kollegial mit den Musikern im Orchester zusammen, strebte nie nach Effekt, blieb auch im Applaus bescheiden.

Im Zentrum stand Maurice Ravel und seine absolute Meisterschaft in der Instrumentierung. Das zeigten bereits die Valses nobles et sentimentales. Wer als Pianist die ursprüngliche Klavierfassung gespielt hat, muss angesichts der Subtilität, des Detailreichtums und der Farbenpracht der Orchesterversion vor Neid erblassen. Dies hier umso mehr, als Chailly schon von den ersten Takten an mit zartsinnig austarierter Dynamik, sorgfältiger Artikulation und einfühlsamer Agogik überzeugte. Durchweg einleuchtend war die Wahl des Zeitmaßes und der Temporelationen. Das Assez lent war in seinem angedeuteten Wiegen gerade noch als Walzer erkennbar, das Modéré leicht und spielerisch, doch keineswegs oberflächlich. Im vierten Walzer schien sich bereits La valse anzudeuten, mehr sodann in der Steigerung von Nr. 7, während der Epilog vollends zur spannungs- und erwartungsgeladenen Überleitung zu La valse wurde. Letzteres folgte beinahe ohne Unterbruch – eine absolut schlüssige Wahl. In der Folge zeigte sich Chaillys wahre Meisterschaft: keine Magie, sondern bis ins Detail bewusste Gestaltung, und eine dennoch nicht kopfige, geschweige denn belehrende Interpretation. In keinem Moment war Sinnleere, vielmehr erzeugte Chailly einen zwingenden dramatischen Verlauf. Unter der scheinbaren Harmlosigkeit des Beginns lauerte das Unheil bereits im verhaltenen Grummeln der Bässe. Erst allmählich und sorgfältig dosiert wurde die Musik überdreht, fiel wiederholt in den harmlosen Schein zurück. Letztlich obsiegte die Sogwirkung des Irrwitzigen, das die Musik zur Fratze verkommen ließ. Dabei leistete sich Chailly keine Übertreibung und behielt die Kontrolle bis zuletzt. Es war eine eindrückliche, eindringliche und absolut überzeugende orchestrale Meisterleistung!

Die beiden Fragments symphoniques aus Daphnis et Chloé demonstrierten bestechend Chaillys Sinn für dynamische und dramatische Entwicklung, hin zur effektvollen, jedoch nicht effekthascherischen Klimax. Zugleich motivierte der Dirigent das Orchester zu einer konsequenten technisch-musikalischen Höchstleistung.

Den Abschluss machte der berühmt-berüchtigte Boléro und auch hier zeigte sich klar die Handschrift des Dirigenten. Chailly hielt sich von Anbeginn weg an Ravels Tempoangabe, widerstand der Tendenz, die ersten Segmente lyrisch auszuspielen und das Tempo allmählich zu steigern. Stattdessen ließ er das Wunder der orchestralen Klangfarben entstehen und wirken. Es war meisterhaft, wie die Bläser sich gegenseitig anglichen, das Farbspektrum mit dem Wandel der Besetzung somit unmerklich änderte und sich entwickelte. Ebenso bemerkenswert war die perfekte Dynamik. So verblieb das Ostinato der kleinen Trommel mit dem allseits bekannten Boléro-Rhythmus lange Zeit kaum hörbar, gleichsam als Komponente im Untergrund. Es trat erst ganz allmählich hervor, wie mitgerissen vom unwiderstehlichen Sog zum Finale, der schließlich vom ganzen Orchester Besitz ergriff: die Standing Ovation war mehr als verdient!

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