Wie könnte ein trauriges Märchen besser illustriert werden als mit einem goldenen Käfig? Genau dieser ist Heim und einziger Bezugspunkt einer einsamen Prinzessin. An nichts soll es dem Täubchen mangeln – nur an der Wahrheit über ihr erblindendes Gebrechen. Mit paradiesischem Blumenregen und fast märchenhafter Lichtführung hat das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper so Peter Tschaikowskys letzte Oper Iolanta unter der Leitung von Regisseur Axel Ranisch auf die Bühne gebracht.

Anna El-Khasehm (Parascha), Mirjam Mesak (Iolanta), Freddie De Tommaso (Wassili) © Wilfried Hösl
Anna El-Khasehm (Parascha), Mirjam Mesak (Iolanta), Freddie De Tommaso (Wassili)
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Iolanta erzählt die Geschichte von eben dieser von Geburt an blinden Prinzessin, die vom überführsorglichen Vater in die Abgeschiedenheit verbannt wurde, wo ihr niemand je von ihrem Leiden erzählen darf. Die ersten Lebensjahre funktioniert dies leidlich gut, nur dann tut Iolanta das, was Prinzessinnen eben nun einmal tun: Sie verliebt sich in einen Ritter und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Vom erbosten König, über die wundersame Heilung, bis hin zum Happy End ist alles mit dabei.

Auch Strawkinskys kaum 25-minütige Kurzoper Marva stand an diesem Abend in München auf dem Programm. Iolanta, eine halbe Stunde Pause und dann Marva – so kennt man es von Aufführungen von Cavalleria rusticana und anderen nicht abendfühlenden Werken. Doch Axel Ranisch nutz den ungezwungenen Rahmen der kleinen Bühne für ein Experiment und kombiniert die beiden Stücke.

Boris Prýgl (Robert) und Long Long (Vaudémont) © Wilfried Hösl
Boris Prýgl (Robert) und Long Long (Vaudémont)
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Auf den ersten Blickt passt Strawinskys komische Oper so gar nicht zu dem durchaus düsteren und elegischen Stoff der Iolanta. Trotzdem, die Idee von Ranisch geht auf. Die kurzen Episoden der Marva werden als Zwischenszenen ganz in der Fantasie der Prinzessin eingebaut, samt eigenem Orchester, welches mit grauen Perücken auf der Bühne thront. Während Iolanta im Hintergrund allein in ihrem Puppenhaus spielt, präsentieren sich die Solisten in überdimensionierten Puppenkostümen auf der Vorderbühne.

Diese ausgeklügelte Verbindung nimmt Tschaikowskys letzter Oper den Schwersinn, ohne den Sinn zu entfremden. Nein, es fällt gar leicht zu glauben, dass die adoleszente Prinzessin Iolanta die vielen einsame Stunden mit schlüpfrigem Puppenspiel nutzt.

F. De Tommaso (Wassili), Long Long (Vaudémont), Mirjam Mesak (Iolanta), Anna El-Khasehm (Parascha) © Wilfried Hösl
F. De Tommaso (Wassili), Long Long (Vaudémont), Mirjam Mesak (Iolanta), Anna El-Khasehm (Parascha)
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Nur allzu gut passen die amourösen Eskapaden zwischen Parascha und ihrem Liebhaber Wassili in die beengte Welt von Iolantas Exil im Wald. Selbst der Wechsel zwischen Strawinskys konzeptioneller Leidenschaft und Tschaikowskys überspitzer russischer Romantik erscheint so konkludent und keineswegs als Versatzstück.

Das lag sicherlich auch an der wunderbaren Leistung der Solisten. Gesanglich stach an diesem Abend insbesondere Mirjam Mesak als Iolanta hervor. Zerbrechlich und elfenhaft ließ ihr lyrischer Sopran die Prinzessin von innen heraus strahlen. Mit leicht entrücktem Timbre spielte und lebte sie glaubhaft die Blindheit und verlieh ihrer Rolle damit unglaublich viel Tiefgang.

Auch Markus Suihkonen musste sich als König René nicht verstecken. Sein Bass zeigte viel herrschaftliche Tiefe, der auch den Solopartien des Stücks gewachsen war – eng oder gepresst war bei ihm nichts. Stimmlich mit ihm auf einer Ebene, gestaltete Long Long seinem Vaudémont mit galantem Schmelz.

Freddie De Tommaso (Wassili, ein Husar) und Anna El-Khashem (Parascha) © Wilfried Hösl
Freddie De Tommaso (Wassili, ein Husar) und Anna El-Khashem (Parascha)
© Wilfried Hösl

Der Abend zeigte auch, dass in Anna El-Khashem, neben ihrem versatilen gesanglichen Talent, durchaus gewaltige schauspielerische Kompetenz steckt. Mit pantomimischer Überzeugungskraft skizzierte die gebürtige Russin die abgehackten Bewegungen der Puppe Parascha. Freddie de Tommaso, als ihr Liebhaber Wassili, konnte mit dieser Topleistung nur bedingt mithalten, lieferte dennoch eine solide Leistung ab, wenngleich etwas stimmliches Facettenreichtum fehlte.

Am Pult stand unterdessen Alevtina Ioffe. Mit viel Verve und zügigen Tempi hing sich die russische Dirigentin in Tschaikowskys Werk, doch leider ließ sie das Ensemble stellenweise zu laut aufbrausen. Es fehlte das Gefühl für die große Intimität des Cuvilliés-Theaters. Kaum mehr als 20 Meter sind es selbst in der letzten Reihe zur Bühne. Egal ob Chorszenen oder Duette – zu oft entstand der Wunsch nach einem Geräuschpegel, der die Komplexität der durchaus anspruchsvollen Inszenierung auch hörbar machen hätte können. Der Kontrast zu den kammermusikalischen Klängen von Strawinsky auf der Bühne, verstärkte diesen Eindruck noch.

Dennoch, dem Opernstudio der Bayerischen Staatsoper ist mit dieser Inszenierung als Doppeloper ein zauberhaftes Experiment geglückt, welches zwei selten aufgeführte Werke sinnvoll und durchweg unterhaltsam vereint. Hut ab.

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