Der 1975 in Irkutsk geborene Denis Matsuev braucht nicht vorgestellt zu werden, er ist auf Festivals und in den Konzertsälen der Welt ein häufig gesehener Gast, seine schier grenzenlosen virtuosen Fähigkeiten sind allseits bekannt (es gibt wohl nur wenige Pianisten, die es wagen würden, am gleichen Abend das zweite und das dritte Klavierkonzert von Rachmaninow nacheinander aufzuführen!). Selbstredend präsentierte er im Rezital in der Zürcher Tonhalle mit den Kompositionen von Liszt und Rachmaninow zwei Eckpfeiler des virtuosen Repertoires, zum Glück kombiniert mit Werken, die auch die lyrische Seite des Künstlers zum Vorschein brachten.

Denis Matsuev © Andrew Koksharow
Denis Matsuev
© Andrew Koksharow

Den ersten Teil des Programms bildete Tschaikowskys Zyklus Die Jahreszeiten. Der Titel dieser Sammlung erinnert vielleicht an Vivaldis Le quattro Stagioni (in der Tat ist auch hier jedem Teil ein Motto und ein Gedicht eines russischen Lyrikers vorangestellt), allerdings nicht in vier Segmenten bzw. Konzerten wie bei Vivaldi, sondern in der Form eines kurzen Klavierstücks für jeden Monat, meist in zyklischer A-B-A Form. Im Vergleich mit anderen Kompositionen des spätromantischen Repertoires mag hier (je nach Interpretation) vieles harmlos, wenn nicht gar süßlich oder trivial erscheinen. Matsuev verstand es meisterhaft, dieser Gefahr aus dem Weg zu gehen: er wählte meist relativ flüssige Tempi, seine Interpretation erschien unprätentiös, unaufgeregt, nie überladen mit Emotionen, dabei aber keineswegs distanziert. Er spielte lyrisch, oft introvertiert, nachdenklich, stimmungsvoll und versunken in den beschaulichen Teilen, mit einem sorgfältig bemessenen Rubato, rasche Einschübe gerieten zur spielerischen Arabeske.

Die schnelleren Passagen blieben ebenso spielerisch, unangestrengt, ohne Pathos, nie hart, die Dynamik war fast durchweg zurückhaltend, sehr sorgfältig und differenziert: das energico im Juni war eher mf oder p statt f. Mir gefiel auch das Aufblühen in den Mittelteilen des Mai (Les nuits de mai), der schwungvolle Juli (Chant du faucheur), der humorvoll-virtuose August (La moisson) und die sehr bildliche Darstellung der Jagd im September. Überzeugend auch der wehmütige Herbstgesang des Oktober, agogisch differenziert, sich dazwischen sacht entfaltend, zuletzt wundervoll auslaufend in ein beinahe unhörbares pppp. Die Troïka des November war triumphal, dennoch nicht laut, sehr rasch, trotzdem unprätentiös.

Man könnte bemängeln, dass in schnellen Segmenten Details in der Artikulation überspielt wurden, dass Staccati manchmal kaum als solche zu erkennen waren, aber diese Musik ist nicht der Platz für virtuosen Exhibitionismus. Im Dezember (Noël) war das „molto ritardando“ jeweils nur marginal ausgeführt, dafür blieb der musikalische Fluss erhalten, kam im ganzen Zyklus nie Langweile auf. Für mich war dieser Teil des Programms der Höhepunkt des Abends, in den ich auch die Méditation (zwischen den virtuosen Werken des zweiten Teils) des gleichen Komponisten einschließe. Für diesen gilt das oben Gesagte gleichermaßen, außer dass der virtuose Mittelteil an Intensität und Lautstärke (in Komposition und Interpretation) alles in den Jahreszeiten übertraf.

Natürlich war das Publikum vor allem erschienen, um Matsuevs virtuose Tastenakrobatik zu erleben. Eine erste solche Akrobatiknummer war der bekannte Mephistowalzer Nr. 1 von Liszt, nach dem Orchesterstück Tanz in der Dorfschenke. Es ist ein hochvirtuoses, fast groteskes und, wie der Titel andeutet, diabolisches Stück. Bei dieser Komposition ist ein breites Spektrum an Interpretationen anzutreffen, von Oktavgedonner und Staccato-Exzessen bei Horowitz’ farbenreichem Spiel, oder von der übersteigerten Groteske von Cziffras „ungarischen“ Rubati bis hin zu Versuchen wie die Rubinsteins, mit Notentreue die Musik selbst wirken zu lassen. Matsuev interpretierte das Stück beinahe wie ein Werk von Rachmaninow, das Groteske als fulminantes Feuerwerk in einem aberwitzigen Zeitmaß. Er spielt sehr flüssig, immer mit Schwung, dabei aber eher wenig als zu viel Pedal (und dennoch ohne übertriebenes Staccato), nie steril. Anderseits verschwammen dem Hörer bei diesem Tempo die Noten oft zu einem formlosen Brei; für mich war es klar zu rasch und auf Effekt gespielt, ganz zu schweigen vom explosiven Schluss.

Den Schlusspunkt des offiziellen Programms setzte Rachmaninows Zweite Klaviersonate in b-Moll, ein Schaustück der Klavierliteratur, mit monströsen, technischen Schwierigkeiten. Bereits im ersten Satz fiel erneut das rasche, flüssige Spiel auf, der Pedalgebrauch war auch hier eher sparsam. Wie erwartet war dies wiederum ein einziges Feuerwerk, dramatisch, expressiv (vor allem im Mittelteil), auf die großen Bögen und Steigerungswellen fokussiert. Matsuev machte die Schwierigkeiten des Werks vergessen, man hörte mehr ein spätromantisches Gemälde als Details des Klaviersatzes. Letzteres ist denn auch der Hauptvorwurf an diese Interpretation: mir war sie zu schnell, Details gingen verloren, weder Ohr noch Auge vermochten den irrwitzigen Skalen und Oktavparallelen zu folgen – die Komposition verkommt so zur Zirkusnummer.

Matsuev hat die Sonate schon lange in seinem Repertoire. Vielleicht ist der nur mäßige Publikumsaufmarsch der Tatsache zu verdanken, dass er das Werk schon oft aufgeführt hat und im Web auch seine Interpretation von 2012 in Verbier allgemein verfügbar ist? Wie dem auch sei: man feierte den Pianisten frenetisch, und nach vier Zugaben in rascher Abfolge beendete Matsuev den Abend mit einer fünfminütigen Jazz-Improvisation, die sich aus Unverbindlichkeit in ein wahres Tastengedonner steigerte.