Bereits beim Blick auf das Programm, welches sich Khatia Buniatishvili für ihren Konzertabend in der Hamburger Laeiszhalle vorgenommen hatte, stockte einem der Atem. Jeden einzelnen der ausgewählten Zyklen hört man aufgrund der halsbrecherischen Schwierigkeiten höchstens allein innerhalb eines Klavier-Recitals, und selbst das nur selten. Wie in aller Welt sollte Buniatishvili diese selbst erwählte Herkules-Aufgabe bewältigen? Vorab: Sie meisterte die fingertechnischen Drahtseilakte und schier unspielbaren Tastenkapriolen mit atemberaubender Bravour und versetzte das Publikum ein um das andere Mal in ungläubiges Staunen ob der schlafwandlerischen Sicherheit und Souveränität, mit der sie auch noch so vertrackte Fingertorturen fast mühelos aus dem Klavier zauberte.

Khatia Buniatishvili © Julia Wesley
Khatia Buniatishvili
© Julia Wesley

Wenn man überhaupt etwas kritisieren mag an diesem außergewöhnlichen Konzertabend, dann allenfalls die Programmwahl, die weder der Künstlerin noch dem Publikum einen Moment zum Innehalten und Durchatmen ließ. Die Musikauswahl und die Interpretation der Georgierin waren zu jedem Zeitpunkt so intensiv, dass sich wohl so mancher engagierte Zuhörer am Ende des Konzerts erschöpft fühlte. Ganz zu schweigen von der jungen Pianistin.

Khatia Buniatishvili begann ihren Konzertabend mit Maurice Ravels Zyklus Gaspard de la nuit, der zum Schwersten gehört, was für das Klavier jemals geschrieben wurde. Diese Bemerkung erspare ich dem geneigten Leser übrigens ab hier, denn sie trifft wie gesagt auf jedes Stück des Konzerts zu. Buniatishvili, die in ihrem roten, enganliegenden Paillettenkleid selbst wie eine Nixe anmutete, glitt in den Zyklus mit einer schillernden und geheimnisvollen Undine, die einen vom ersten zarten Akkord-Triller bis zu den wuchtig-wogenden Arpeggien am Ende des Stückes in ihren Bann und in die abgründigen Tiefen der Ravel'schen Klangwelten zog. Diesem expressiven Strudel konnte man sich nicht entziehen und die 28-jährige Georgierin schöpfte aus ihrem ganzen anschlags-und klangtechnischen Können mit verblüffender Ökonomie und Leichtigkeit.

Den zweiten Satz Le gibet (der Galgen) gestaltete Buniatishvili so meditativ und fast bedrückend ruhig – was der zugrundeliegenden Schilderung eines am Galgen erhängten Leibes in der Abenddämmerung entspricht –, dass das leider äußerst unruhige Publikum fast aufschreckte, als sie die klirrend-schreienden Akkorde des finalen Scarbo (der listige Kobold) aus dem Korpus des Konzertflügels fetzte. Die ständigen Repetitionen und verschobenen Stimmführungen stellen derart hohe Anforderungen an die mechanischen Fertigkeiten des Interpreten, dass es nach wie vor nicht viele Pianisten auf der Welt gibt, die diesen Satz annähernd perfekt spielen können. Wie wir nun wissen, gehört Buniatishvili dazu.

Es folgte eine Reihe von virtuosen Leckerbissen und Husarenritten des Erfinders des pianistischen Harakiri, Franz Liszt. Die Réminiscences de Don Juan de Mozart S418 beginnen zwar mit etwas unmotiviert hölzern tönenden Akkordmonolithen; spätestens jedoch beim Einsetzen der Arienmelodie „La ci darem la mano“ aus Mozarts Don Giovanni bricht sich die unbändig kreative Erzähllust und musikalische Finesse des ungarischen Großmeisters Bahn. Hier zeigte sich eine weitere Begabung der jungen Pianistin: Ihre stilistische Sensibilität für Phrasierung und Timing. Fast unmerkliche Rubati, kecke Akzente und wohl-pointierte Sforzati gaben den Opernkantilenen perkussionistische Elemente, welche nur das Klavier zu erzeugen vermag. Es gelang Buniatishvili, die Transkriptionen Liszts so zu gestalten, wie er es sich gewünscht hatte: Nicht nur als bloßes Nachahmen anderer Instrumente oder der menschlichen Stimme, sondern als musikalische Forterzählung bekannter Partituren mit pianistischen Mitteln.

Nach den Konzertetüden „La leggierezza“ und „Feux follets“ (Irrlichter) spielte Khatia Buniatishvili zudem die Etude gis-Moll S 140/3 „La campanella“, welche von der unerhörten Virtuosität des Teufelsgeigers Nicolo Paganini inspiriert ist, und auch das darauf folgende Grand galop chromatique hat man selten schneller gehört als an diesem Abend. Vor der Pause kredenzte Buniatishvili Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 2 in der Bearbeitung von Vladimir Horowitz. Spätestens nach ihrer großartig gefassten und doch sprühend humoristischen Interpretation dieser herrlich kurzweiligen und anekdotisch erzählten Tastennovelle konnte wohl jeder nachvollziehen, warum die junge Künstlerin 2012 den Echo Deutschen Musikpreis Klassik in der Sparte Nachwuchskünstlerin erhielt.

Zum Schluss gab es noch eine weitere großartige Transkription, diesmal von Igor Strawinsky, der sein eigenes Ballett Petruschka zu Ehren von Arthur Rubinstein für Klavier solo adaptiert hatte. Strawinsky hatte die Vorstellung einer Marionette, die plötzlich Leben gewinnt und wild herum springt, bis die Fanfaren des Orchesters sie letztlich bedrohen und zur Ruhe zwingen. Die Sprünge und Kapriolen hat Strawinsky sichtbar auf die Klaviertastatur übertragen. Umso beeindruckender, wie sicher Buniatishvili diesen Zyklus zum Besten gab – so als hätte es den Klaviermarathon der ersten Konzerthälfte gar nicht gegeben. Zurück blieb ein dankbares Publikum, das die junge Pianistin mit lautem Johlen stehenden Ovationen zu einigen Zugaben bitten konnte. Diese seien vor allem auch deshalb erwähnt, da Buniatishvili hier bewies, dass sie auch leise und zarte Töne mit großer Delikatesse anzustimmen vermag. Bei Clair de lune von Claude Debussy sah man den silbernen Mondschein schier auf der Bühne schimmern.