Die Frage nach seinem Lieblingsdirigenten beantwortete vor einigen Jahren mein damaliger Chef, der künstlerische Leiter eines der besten Orchester der Welt, ohne Zögern: Herbert Blomstedt. Ich wollte mir nun selbst endlich ein Bild von diesem Urgestein am Dirigentenhimmel und ehemaligen Chefdirigenten der weltberühmten Orchester von Dresden und Leipzig machen.

Herbert Blomstedt © Martin U.K. Lengemann
Herbert Blomstedt
© Martin U.K. Lengemann

Schon die Programmzusammenstellung hatte mich neugierig gemacht. Neben zwei bekannten romantischen Symphonien, an denen Brahms und Mendelssohn jeweils mehr als 12 Jahre gearbeitet hatten, dirigierte Blomstedt ein Intermezzo des außerhalb Schwedens eher unbekannten Wilhelm Stenhammar. Blomstedt wurde 1927 als Kind schwedischer Auswanderer in den Vereinigten Staaten geboren. Er setzt sich seit geraumer Zeit für Stenhammar ein und hat vor einigen Jahren seine Zweite Symphonie mit dem Göteborgs Symfoniker aufgenommen, dessen Chefdirigent und künstlerischer Leiter Wilhelm Stenhammar von 1907 bis 1922 war. Stenhammar hat unter anderem sechs Streichquartette geschrieben, von denen er das Vierte seinem Freund Sibelius widmete. Dieser hatte daraufhin seinem Wegbereiter 1923 seine Sechste Symphonie gewidmet.

Das Concertgebouw Orchester (KCO) spielte unter Blomstedt nach der Pause Stenhammars Intermezzo aus der Kantate Sången. In diese nur fünf Minuten dauernde Komposition aus dem Jahre 1921 war das Orchester groß besetzt. Der Aufwand lohnte sich. Das Intermezzo begann sehr verhalten. Blomstedt dirigierte mit kleinen liebevollen Gesten und ohne Taktstock. Die Partituren lagen unaufgeschlagen auf seinem Pult. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Orchester und der Musik. Spannungsbögen, Phrasierungen und dynamische Schattierungen gestaltete er konzentriert und deutlich, ohne übertriebene Gesten oder effekthaschende Theatralik. Stenhammars Intermezzo bekam so eine Farbskala und spielerische Intensität, die an Brahms leuchtende Intermezzi, Op.117 erinnerte und den tragischen Beginn seiner darauf folgenden Ersten Symphonie abmilderte.

Zu Beginn des ersten Satzes Un poco sostenuto ließ Blomstedt den Paukenschlägen von Nick Woud allen Raum, wodurch die Einleitung zu einer Art Schicksalsklage wurde. Vor dem anschließenden Allegro gelang dem KCO dann ein Pianissimo das seinesgleichen suchte. Im zweiten Satz Andante sostenuto leuchteten Oboe und Klarinette in ihren Soli über dem groß besetzten Orchester und auch das Geigensolo des Konzertmeisters erst zusammen mit dem Horn, dann mit der Klarinette schmeichelte dem Ohr. Der abschließende Satz Adagio - Piu andante - Allegro non troppo war der längste Satz des Abends und doch konnte man sich nicht satthören an den intensiv gesungenen Soli der Bläser und dem voluminösen Streicherklang, der immer wieder in Einzelstimmen zerfiel, um sich dann wie ein Lavastrom wieder zu einer rotglühender Masse zu vereinigen. Das Zusammenspiel gerade der Streicher war teilweise so einheitlich, dass man einzelne Gruppen nicht mehr heraushören konnte, so sehr stand bei Blomstedt das Verschmelzen im Vordergrund.

Blomstedts Dirigat verbreitete durch sein musikalischem Raffinement und textueller Genauigkeit vor allem Wohlbehagen: Die Zeit verging im Fluge. Die extremen dynamischen Unterschiede schärften die Ohren und regten die Fantasie an. So entstanden persönliche Bilder und Raum für kurze Tagtraumreisen. Immer wieder wurde das antizipierende Ohr vor Überraschungen gestellt. Ab und zu konnte man seinen Ohren nicht trauen, umso mehr wenn man die Partituren gut kannte. Das berühmte rhapsodische Pizzicatotutti im vierten Satz begann zum Beispiel so leise und entwickelte sich so rasant und jugendlich frisch, wie ich es noch nie gehört hattee. Gleichzeitig fühlte sich Blomstedts Interpretation vollkommen natürlich und logisch an. Bei ihm klang eine jede Phrase durchdacht und atmete Ruhe und Gelassenheit. Seine Tempoübergänge waren fließend und in der Wahl der Tempi erlaubte er sich Freiheiten, die aufhorchen ließen und trotzdem so wirkten, als gäbe es dazu keine andere Alternative.

Schon vor der Pause gelang Blomstedt mit der Dritten Symphonie von Mendelssohn eine aufregende Aufführung. Wie von Mendelssohn gewollt wurden die vier Sätze ohne Zwischenpausen gespielt. Dank der überirdisch klingenden Soli von Calogero Palermo geriet die „Schottische” Symphonie beinah zu einem Klarinettenkonzert. Entgegen allen Konventionen forderte Blomstedt schon während des ersten Applauses das KCO auf, sich wieder zu setzen, bat Palermo aufzustehen und würdigte so sein unvergleichliches Spiel.

Das Auffallendste an diesem Abend war vielleicht die Tatsache, dass alle noch so aufwühlende Musik unter Blomstedt eine Lebensfreude und einen Optimismus ausstrahlten, die wunderbar heilsam wirkten. Blomstedts Interpretationen erklärte den Sinn von Musik: den Menschen mit den Schattenseiten des Lebens zu versöhnen.

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