Die diesjährigen Sommer-Festspiele in Luzern hatten, bildlich gesprochen, mit einem Knall begonnen: im Eröffnungskonzert präsentierte der neue künstlerische Leiter der Festspiele, Riccardo Chailly, Gustav Mahlers Magnum Opus, die „Symphonie der Tausend“. Zum Abschluss des Festivals blieben zwar die menschlichen Stimmen außen vor, doch schien Olivier MessiaenTurangalîla-Symphonie mindestens von der instrumentalen Besetzung her durchaus Konkurrenz machen zu wollen.

Gustavo Dudamel am Podium © Lucerne Festival | Stefan Deuber
Gustavo Dudamel am Podium
© Lucerne Festival | Stefan Deuber
Gustavo Dudamel hat dieses Werk schon verschiedentlich aufgeführt. Hier präsentierte er es mit dem Simón Bolívar Symphonieorchester Venezuela, dessen Leitung er 1999 im Alter von 18 Jahren übernommen hat. Das Ensemble trat in voller Besetzung auf, das Podium bis an den Rand füllend. Dazu gesellten sich als prominente Solisten Jean-Yves Thibaudet am Klavier und Cynthia Millar an den Ondes Martenot.

Messiaens Symphonie entstand 1946-48 als Auftragswerk für Serge Koussevitzky und das Boston Symphony Orchestra. Der Auftraggeber ließ dem Komponisten in jeder Hinsicht freie Hand. Entstanden ist ein zehnsätziges Werk für ein sehr großes Instrumentarium mit deutlich über 100 Instrumentalisten. Es bestand kein Zweifel, dass Gustavo Dudamel mit der Komposition aufs Beste vertraut ist und zugleich die zahlreichen Musiker jederzeit unter Kontrolle behielt.

Natürlich spielt Messiaen mit dem Wechsel von Tonalität und zuweilen herben Dissonanzen. Gerade bei letzteren zeigten sich aber die Qualitäten des Orchesters: Dissonanzen tönen ja nicht einfach „falsch“: ganz im Gegenteil! Wie Terzen sind auch dissonante Intervalle (z.B. große und kleine Sekunde) wohldefiniert, haben einen spezifischen Klang. Wenn also Messiaen zwei einsame Klarinettenstimmen, oder Klarinette und Fagott, aufeinander zu laufen lässt und statt im Einklang bei sehr engen Intervallen stehen bleibt, dann stellt man unschwer fest, ob die Instrumente richtig intoniert sind. Die Venezolaner gaben in dieser Hinsicht zu keinerlei Klagen Anlass; das Orchester spielte durchweg absolut sicher in Intonation, Rhythmus und Koordination, auch wenn Dudamel ein zügiges Tempo vorlegte.

Dudamel mit dem Simón Bolívar Symphonieorchester Venezuela, Thibaudet und Millar © Lucerne Festival | Stefan Deuber
Dudamel mit dem Simón Bolívar Symphonieorchester Venezuela, Thibaudet und Millar
© Lucerne Festival | Stefan Deuber

Anders als viele von Messiaens Werken ist Turangalîla nicht primär religiös, sondern handelt von der Tristan-Sage und beschreibt Stationen der Liebe. Zwar bleibt die „Handlung“ abstrakt, dennoch drängen sich beim Hören unwillkürlich Bilder, Situationen vor dem geistigen Auge auf. Das Werk erschließt sich auch dem Laien direkt und unmittelbar. Im ersten Satz werden zwei eingängigen Themen vorgestellt, die einen durch das Werk begleiten.

Die bewegten Teile sind rhythmisch packend, hinreißend. Die der Liebe gewidmeten Chant d'amour I/II, und Garten des Liebesschlummers haben wunderbare, eingängige Melodien; so schön, dass sie leicht im Ohr hängen bleiben, fast zum Ohrwurm werden. Letzteres gilt noch mehr für die Themen des Schlusssatzes, die an Gershwin oder Bernstein erinnern und mich noch Tage nach der Aufführung begleiten.

Cynthia Millar an den Ondes Martenot © Lucerne Festival | Stefan Deuber
Cynthia Millar an den Ondes Martenot
© Lucerne Festival | Stefan Deuber
Zentral in der Darstellung der Liebe sind die Ondes Martenot, ein elektronisches Instrument, das einerseits über Tasten Melodien erzeugen kann, anderseits auch die Möglichkeit hat, die Tonhöhe kontinuierlich zu variieren und Klänge mit Vibrato zu erzeugen. Sein Ton ist singend wie sonst kaum ein Instrument, oft an Vogelstimmen erinnernd, ätherisch-für manchen vielleicht esoterisch, sicher auch synthetisch-künstlich, manchmal auch etwas steril (wie eben eine reine Sinusschwingung). Messiaen hat den Einsatz dieses Instruments einzig damit begründet, dass es sich um ein Liebeslied handle. 

Das Klaviersolo ist gespickt mit raschen Tremoli und virtuosen Passagen über die ganze Tastatur, hat zwischendurch aber auch melodischere Segmente. Allerdings sind die sangbaren Elemente eher auf den Ondes Martenot und im Orchester zu finden. Das Idiom des Klaviers erinnert öfters an dasjenige aus dem Catalogue des oiseaux, in dem Messiaen es schafft, Melodien und Klänge zu erzeugen, deren Tonhöhen man als Laie kaum benennen kann. Der perkussive Klavierpart wurde sehr virtuos von Jean-Yves Thibaudet souverän gemeistert. Auch die Orchesterpartitur war anspruchsvoll, zumal in der ausgezeichneten Akustik im KKL.

Dudamel erreichte in seiner Interpretation ein rundes, harmonisches, natürliches Klangbild. Er versuchte nicht, durch trockene Artikulation oder überdeutliche Rhythmisierung Strukturen hervorzuheben, sondern achtete auf musikalischen Fluss und nahm das Publikum mit dieser Musik gefangen. Der Schluss geriet zu einer hinreißenden, ergreifenden Apotheose der Liebe.

Bei allen Dissonanzen ist Turangalîla ein eingängiges Werk, beinahe zu schön: fast drängt sich die Idee auf, ob Messiaen mit den populären Noten dieser Musik Konzessionen an den Auftraggeber und dessen Publikum macht. Ich nehme allerdings an, dass dieses Werk Ausdruck von Messiaens genuiner Gedanken- und Gefühlswelt ist, und damit durchaus wahrhaftig im besten Sinne. Das Andere, was mir durch den Kopf ging, war, ob eine Aufführung dieser Musik in der heutigen, konfliktbeladenen Zeit (der Zufall wollte es, dass das Konzert genau 15 Jahre nach dem Attentat auf das World Trade Center stattfand) nicht auch einen „eskapistischen Aspekt“ birgt. Ich finde aber, dass gerade in diesen Zeiten die Botschaft der (abstrakten) Liebe erklingen und gehört werden sollte.