Ein Feuerwerk an musikalischen Gefühlsausbrüchen war er nicht gerade, der Konzertabend im Großen Saal – und das, obwohl Händels berühmtestes Oratorium wahrlich allerlei Möglichkeiten für einen dramatischen Auftritt bietet. Dirigent Jörg-Peter Weigle zügelte den Philharmonischen Chor und die Batzdorfer Hofkapelle in ihrem klanglichen Temperament und leitete die Weihnachtsfeiertage durch eine ebenso zurückgenommene wie seelenvolle Aufführung des Messias ein.

Georg Friedrich Händel © Gemälde von Thomas Hudson
Georg Friedrich Händel
© Gemälde von Thomas Hudson

Gern wird Händels wohl größtem musikalischen Erfolg heute ein überkonfessioneller, alles umarmender christlicher Grundgedanke untergeschoben. Wenn man es genau nimmt, lag die eigentliche Intention für seine Entstehung jedoch ganz und gar nicht darin, den Glauben zu einen – im Gegenteil. Librettist Charles Jennens, der seine Sammlung von Bibeltexten an den zu dieser Zeit wirtschaftlich und gesundheitlich angeschlagen Händel sandte und ihn so zur Komposition des Oratoriums veranlasste, hatte sich in den englischen Religionskonflikten des 18. Jahrhunderts auf die Seite derer geschlagen, die mit ihrem Offenbarungsglauben den Anhängern der Vernunftreligion gegenüberstanden. Man stritt sich vor allem um eine zentrale Frage: Lenkte Gott die Welt noch immer oder war sein Einfluss damit beendet, dass er die Welt wie ein funktionierendes Uhrwerk erschaffen hatte? Händels Messias beantwortet diese Frage durch Jennens Textauswahl. Jegliches Geschehen kreist um den siegreichen, allmächtigen Herrscher - er allein kann der Menschheit Erlösung bringen. Es liegt nahe, dieses selbstbewusste Glaubensbekenntnis auch auf Händel selbst zu übertragen, doch dabei sei Vorsicht geboten. Der Komponist äußerte sich nie explizit über seinen religiösen Standpunkt, dementsprechend viel Deutungsspielraum lässt seine Komposition zu.

Dirigent Weigle schöpfte eben diesen durch seine recht zurückhaltende Interpretation aus, die sich vor allem in den Chorpassagen niederschlug. Das üblicherweise feierlich-beschwingte And the glory, the glory of the Lord verwies früh auf den musikalischen Weg, der an diesem Abend beschritten werden sollte: Angesichts des ungewohnt gemäßigten Tempos und der im gediegenen Mezzoforte stagnierenden Dynamik kam der Chor etwas behäbig daher. In diesen ersten Minuten des Konzertes stellte sich daher unweigerlich die Frage, ob die Sänger hier nicht leidenschaftlicher agieren konnten oder sollten – wirklich glauben konnte man angesichts der Klanggewalt der einzelnen Stimmgruppen jedoch nicht, dass sie bereits an ihre Grenzen gekommen waren. Jegliche Zweifel an der Qualität des Chores verflogen spätestens bei den flinken Koloraturen in For unto us a child is born, die er mit viel Disziplin und Präzision meisterte und sich so verspielt durch das Stück frohlockte. Die Zartheit des neugeborenen Kindes wurde hier nicht – wie schon oft gehört - durch überladenen Pathos erschlagen, sondern durch unaufgeregte Leichtigkeit in Musik verwandelt. Nicht einmal der populäre Jubelruf, das Hallelujah, konnte die Sänger dazu verleiten, ihren Pfad der klanglichen Besonnenheit zu verlassen; trotz seiner pompösen instrumentalen Ausstattung mit Trompete und Pauke blieb es durch die homogene Zurückhaltung des Chores elegant und unbeschwert .

Durchweg hervorragend getragen wurde der Chor von der Batzdorfer Hofkapelle. Hellwach gelang es dem Ensemble stets, sich den jeweiligen musikalischen Gegebenheiten mit abgeklärter Selbstverständlichkeit anzupassen. Hielt es sich gerade noch im Hintergrund, um die Sänger bei ihren oft anspruchsvoll flott dirigierten Passagen zu unterstützen, so erstrahlte es im nächsten Moment allein in der Pifa bemerkenswert präsent und feinfühlig. Jede Schafherde wäre ihm wohl vertrauensvoll auf dem Fuße gefolgt.

Im solistischen Quartett überzeugte neben Bass-Bariton Markus Butter vor allem Tenor Andreas Weller, indem er Weigles Idee eines stilleren, zärtlichen Messias gekonnt umsetzte: Mit hingebungsvollen, aber gemäßigten Crescendi auf gehaltenen Tönen und ohne jegliche Hast beim Intonieren der eindringlichen Worte Comfort ye, my people stimmte er das Publikum emotional als erster Gesangssolist des Abends auf kommenden Stunden ein, ohne dabei in Theatralik zu verfallen. Etwas schwerer taten sich Sopranistin Sibylla Rubens und Countertenor Kai Wessel besonders im ersten Teil damit, sich in die gelassene Atmosphäre des Abends einzufühlen, und agierten zunächst etwas zu hektisch. Insbesondere Rubens gelang es in ihren Arien zuweilen nicht, sich in die entspannte Spielart der Hofkapelle fallen zu lassen und war ihr hier und da etwas voraus. Einmal richtig warm geworden, harmonierten beide im Laufe des Konzertes zunehmend besser mit den Instrumentalisten; vor allem Wessel entwickelte dabei eine überaus unterhaltsame, expressive Art der musikalischen Artikulation: Fast konnte man meinen, ein weinerliches Zittern in seiner Stimme zu hören, als er die Qual des Sündenträgers in seiner Arie He was despised and rejected besang.

Weigle präsentierte an diesem Vorweihnachtsabend eine besinnlichere Version des Messiah und ließ den Zuhörer mit der Frage zurück, wie viel von Händels Konfession in dessen Oratorium steckt. Dem ihm häufig vorauseilenden Ruf als selbstbewusst veräußertes Glaubensbekenntnis entsprach es an diesem Abend nicht. Vielmehr war man sogar geneigt, die leisen irdischen Hoffnungen und Zweifel des sorgenvollen Komponisten in dem Werk zu erkennen, mit dem er an vergangene Erfolge anzuknüpfen hoffte. Ungeachtet aller religiösen und weltlichen Botschaften bot Weigles Darbietung des Messiah jedoch vor allem eins: Viel Gefühl.

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