Sieht man den Namen Gerhard Schmidt-Gaden auf dem Programm, ist zu erwarten, dass der Abend ganz dem Chorgesang gewidmet sein würde. Der 78-Jährige gründete den Tölzer Knabenchor vor bald 60 Jahren. Dieser hat es im Laufe der Jahrzehnte mit namhaften Plattenaufnahmen und großen Konzertreisen zu Weltruhm gebracht, sodass der Spiritus Rector an diesem Sonntag gewissermaßen sein Erbe dirigierte. Dies tat er auch äußerst engagiert und mit einer Energie, die man dem Mann, der am Arm der Sopranistin auf und von der Bühne geführt wurde, gar nicht zugetraut hätte. Er war auch der Einzige, der fast das ganze Konzert über stand. Ebenso war das Tempo, das er vorgab, durchgehend zügig und energiegeladen. Bei diesem Messias, das war früh klar, stand die freudige Erwartung auf das zweite Kommen des Erlösers im Vordergrund.

Marie Friederike Schöner © Nadine Stenzel
Marie Friederike Schöner
© Nadine Stenzel

Das Orchester allerdings musste so gut wie ohne den Dirigenten auskommen. Wenn der Chor nicht sang, dirigierte er es dezent, sobald aber die Tölzer an der Reihe waren, ignorierte er die Orchestereinsätze weitgehend und widmete sich gänzlich dem Chor. Dass der Abend musikalisch allerdings reibungsfrei verlief, zeugt von der großen Professionalität des Barockorchesters der Residenz. Die Musiker blieben im Tempo, begleiteten Chor und Solisten, ohne sie zu übertönen, und spielten ihre Einsätze präzise. Der Klang war nun einmal der eines Barockorchesters, etwas gedämpft, aber dafür weicher als der von modernen Orchestern.

Der Chor verhielt sich erwartungsgemäß ebenfalls sehr professionell. Die langen Passagen über, in denen sie nicht singen mussten, saßen die Sänger geduldig und ruhig auf den dafür vorgesehenen Bänken. Das war besonders bei den Jüngsten, die wahrscheinlich keine zehn Jahre alt sind, äußerst beeindruckend. Für kleine solistische Auszüge, zum Beispiel zum Beginn des Stückes „And he shall purify“, wechselten sich die jungen Altisten und Sopranisten ab, während Tenor und Bass immer von den gleichen beiden Chorsängern sicher intoniert wurden. Alle diese kurzen Solopartien waren über das Orchester hinweg gut hörbar sowie sehr schön und stimmig gesungen. Insgesamt gab der Chor dem Abend ein schnelleres Tempo und, wie nicht anders zu erwarten, viel jugendliche Kraft. Mit seiner hohen Intonation machte der Chor den Abend außerdem um einiges heiterer. Man konnte sehen, wie das Publikum bei „For unto us a child is born“ sogar leicht mitwippte. Einzig das berühmte „Hallelujah am Ende des zweiten Teils hätte noch ein wenig euphorischer sein können.

Abgesehen von den Kleinen war der Publikumsliebling an diesem Abend die Sopranistin Marie Friederike Schöder. Gleich nach ihrer ersten längeren Solopartie „Rejoice greatly, O daughter of Zion“, die sie fröhlich und ausdrucksstark sang, wurde das Konzert durch spontanen Applaus unterbrochen. Dass sie trotz ihres vollen Timbres weich und zart singen kann, zeigte sie direkt nach der Pause mit „I know that my Redeemer liveth“. Sie verlieh allen ihren Stücken den Frohsinn und die Leichtigkeit, die der Dirigent und der Chor vorgaben. Ebenfalls beeindruckend war der Bass Panajotis Iconomou, der bei seinem ersten Auftritt mit „Thus saith the Lord, the Lord of hosts“ zwar die Läufe nicht ganz präzise sang, aber von Anfang an eine große Kraft ausstrahlte. „The trumpet shall sound“ im dritten Teil sang er samtig, nicht zu pompös und zeigte trotzdem seine tragende Stimme, die den ganzen Saal erfüllte. Die Altistin Martina Koppelstetter und der Tenor Lothar Odinius sangen ihre Partien sicher und präzise; in ihrem Duett „O death, where is thy sting?“ harmonierten sie perfekt. Im Gegensatz zu den anderen beiden Solisten blieben sie allerdings eher unauffällig.

Insgesamt war allen, angefangen beim Dirigenten über Chor und Orchester bis hin zu den vier Solisten, der Spaß an der Musik ins Gesicht geschrieben. Das übertrug sich durch die Musik auch auf das Publikum, sodass die meisten Leute nach diesem sehr fröhlichen Messias summend den Saal verließen.

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