Die Situation ist eindeutig: Poppea stürzt auf die Bühne und schlingt ihre Hände immer wieder um Nerones Hals – er im unsortierten Hemd mit hängender Krawatte, sie im feuerrroten Negligé. Und der musikalische Duktus der beiden Protagonisten sagt es ebenso unmissverständlich: Poppeas Falle schnappt zu, Nerone ist im Liebesrausch gefangen und verfolgt von nun an nur noch ein Ziel, sie zu seiner Frau zu machen.

Ensemble La Venexiana © Kaupo Kikkas
Ensemble La Venexiana
© Kaupo Kikkas

Du wirst sehen, was die Liebe vermag, sagt er an anderer Stelle zu seiner Geliebten. Was aber für diese beiden Quell reinster Freude ist, muss sich für die übrigen CHaraktere dieser Oper wie eine Drohung anhören. Tatsächlich triumphiert hier, wie im Prolog bereits siegesgewiss angekündigt, Gott Amor auf der ganzen Linie. Das Nachsehen hat allerdings vor allem die Tugend. Daher wäre wohl „erotische Leidenschaft“ passender. Denn davon sind besonders Poppea und Nerone getrieben; sie um Kaiserin von Rom zu werden, er um seine Frau Ottavia endlich loszuwerden. Bei aller Heißblütigkeit, die stellenweise die Szenen befeuert, wirft das Libretto einen schonungslosen, ja zynischen Blick auf die Herrschaft des Sexus. Davon sind einige nur genervt, wie die zwei Wächter, die beim heimlichen Schäferstündchen Schmiere stehen müssen. Andere fallen ins Bodenlose, weil sie im Weg sind, wie die verstoßene Ottavia und einer, der Philosoph und Mahner Seneca, wird gar zur Selbsttötung getrieben.

Nachdem das Ensemble La Venexiana am ersten Abend seiner halbszenischen Monteverdi-Trilogie im Schwetzinger Schlosstheaters einen seriös gemessenen Orfeo präsentiert hatte, wird es nun bei L'incoronazione di Poppea  mit teilweise denselben Sängerinnen und Sängern zeitweise recht turbulent. Entsprechend lässt Francesco Puleo den Akteuren hier mehr Raum, die Rollen zu verlebendigen und eigentlich kann man schon von einer szenischen Gestaltung sprechen, denn die Kulisse ist ohnehin vorhanden (wie bei Orfeo der barocke Park auf dem Bühnenprospekt), die modernen Kostüme sind den Rollen gemäß nicht zufällig gewählt und es bedarf nur noch des entscheidenden Requists in der Mitte der Bühne, wo das Objekt von Poppeas Sehnen, die Kaiserkrone, auf einem Sockel fast ständig präsent ist.

Die Darsteller geben neben durchweg famosem Gesang auch ausgesprochene Spielfreude in die Aufführung ein. Dabei geht es bei dem Liebespaar szenenweise recht deutlich zur Sache. Als Poppea geizt Emanuela Galli nicht nur im Spiel mit erotischen Reizen, auch vokal lässt sie an den berechnenden Verführungskünsten ihrer Figur keinen Zweifel. Dies wirkt an manchen Stellen dann aber doch eine Spur zu aufgesetzt. Aber ihr Sopran ist makellos geführt und in allen Lagen sicher und klar. Giuseppina Bridelli vermag den Rollencharakter Nerones absolut überzeugend und ohne aufgesetztes Pathos zu vermitteln. Sie setzt auch stimmlich die größten Glanzpunkte an diesem Abend, singt mal leidenschaftlich, dann herrisch und auch weich, je nach der Situation ihrer Figur.

Dass so hemmungslos Verliebte vollkommen taub gegenüber allen Ratschlägen bleiben, wird in dieser Aufführung deutlich vor Augen geführt. Da ist der Philosoph Seneca, der Nerone vergeblich an Vernunft und Moral erinnert. Salvo Vitale gibt ihn mit voluminösem Bass und ruhiger Stimme als einen abgeklärten Intellektuellen, der am Schluss stoisch in den befohlenen Freitod geht. Auch Poppeas Amme Arnalta warnt vor dem Spiel mit dem Feuer, sie allerdings von der komischen Seite. Alberto Allegrezza, wie im Original vorgesehen Tenor, macht aus dieser Rolle als Typ biedere Hausfrau ein Kabinettstück glänzenden Humors. Sehr differenziert spielt er die Facetten der Figur zwischen mitfühlender Sorge, liebevoller Zuwendung und am Schluss etwas hochmütigem Stolz darüber, dass die Dienerin nun bald zu „Kaisers“ gehört. Innig singt Allegrezza das Schlaflied für Poppea, sanft begleitet nur von den beiden Theorben.

Ein zwiespältiger Charakter ist Ottavia. Einerseits verlassene Ehefrau, ist sie aber auch hinterhältige Täterin, weil sie den Mord an Poppea plant – der gefundene Vorwand für Nerone, sie in die Verbannung zu schicken. Zwei große Arien hat Monteverdi ihr zugedacht, die Xenia Meijer mit großer Emphase singt aber auch einer Portion zu viel Theatralik. So wird diese Rolle eindimensional und eher zur Karikatur einer Tragödin. Auch das Paar Ottone und Drusilla sind in das Mordkomplott verwickelt und müssen mit Verbannung büßen. Dabei ist Ottone als von Poppea verlassener Liebhaber zuerst auch nur Opfer und leidet entsprechend an seinem Schicksal. Der Countertenor Filippo Mineccia gibt dieser Rolle in Darstellung und Stimme ganz überzeugend Ausdruck. Und als Drusilla beeindruckt Silvia Rosati Franchini durch ihren jugendlich strahlenden Sopran. Neben den Hauptfiguren gibt es noch zahlreiche Nebenrollen, die alle bestens besetzt sind.

Das gegenüber Orfeo ohne Bläser kleiner besetzte Orchester von La Venexiana spielt unter der Leitung von Davide Pozzi wieder sehr differenziert und klangschön. Bestechend sind der Klangfarbenreichtum und die dynamische Nuancierung. So wird Monteverdis Musik hier in einer Klanggestalt geboten, die fern jedes akademischen Historismus ihre Vitalität, melodiöse Schönheit und nicht zuletzt ihre dramatische Kraft auf das Schönste erleben lässt.

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