Für Bruckners Siebte war wieder einmal Bernard Haitink zu Gast beim Tonhalle-Orchester Zürich. Nicht unerwartet war der Saal in diesem Konzert ausverkauft. Allein schon in ihren Dimensionen ist diese Symphonie eine beachtliche Leistung für den Dirigenten. Vor der Pause hatte der Österreicher Till Fellner (jetzt Professor an der Zürcher Hochschule der Künste) in Mozarts Klavierkonzert Nr. 22 seinen ersten Auftritt mit diesem Orchester. Der 89-jährige Altmeister betrat das Podium langsam, vorsichtigen Schrittes, aber selbständig, wirkte dabei zerbrechlich, beinahe durchsichtig. Er nahm sich Zeit, erhielt Hilfe beim Besteigen des Podestes, dankte etwas verlegen für den Applaus des Publikums, wie wenn er sagen würde "Schon gut, aber lasst uns zu Mozart kommen".

Bernard Haitink © Todd Rosenberg
Bernard Haitink
© Todd Rosenberg

Sobald Bernard Haitink jedoch den Stock anhob, war das Tonhalle-Orchester ganz bei der Sache, richtete alle Aufmerksamkeit auf den Dirigenten und fokussierte ganz auf die Musik. Revolutionäres hatte bei Mozart wohl niemand antizipiert. Dennoch klang bereits die Eröffnungsfanfare der Orchestereinleitung erstaunlich resolut, dabei frisch und natürlich im Tempo, dank der verkleinerten Formation auch transparent. Das nachfolgende, lyrische Thema war leicht, entlastend artikuliert, hielt die ideale Balance zwischen Gesanglichkeit (zumal in den Bläsern) und transparenter Textur, im Forte durchaus mit Zugriff. Till Fellner spielte flüssig, mit singendem Ton und mehr Legato als die Begleitung, leicht, sorgfältig in Artikulation, Phrasierung und Dynamik, durchaus sprechend in der Agogik. Es war eine Interpretation, wie man sie auf dem Steinway-D nicht anders erwarten kann: verglichen mit historischen Instrumenten glättete der Flügel den Ausdruck, und Mozarts Show-Element (er hat das Konzert ja für sich selbst geschrieben) ging in der Sorgfalt weitgehend verloren, die gelegentlichen Überraschungsmomente waren eingeebnet. Einzig in der Kadenz (wohl Fellners eigene?) blitzte gelegentlich Improvisatorisches und etwas virtuoses Show-Element auf.

Das Andante ging Haitink äußerst behutsam an, sehr ausdrucksvoll in den sordinierten Streichern. Der Pianist nutzte die gesanglichen Qualitäten des Konzertflügels zu seinem Vorteil. Zauberhaft war die kleine Bläserserenade nach dem ersten Klaviersolo. Es ist ein Variationssatz; nichts spricht dagegen, jede Variation (in Grenzen) individuell zu gestalten, auch das Tempo zu variieren. Hier jedoch mochte man einwenden, dass die Übergänge zwischen den bewusst voneinander abgesetzten Segmenten nicht immer ganz harmonisch verliefen.

Zum Höhepunkt vor der Pause geriet das abschließende Allegro: im Klavier (anders als das zupackende Orchester) oftmals zart, dabei flüssig, mit perlenden Läufen, weite Intervalle passend ausfüllend, und öfters – gegen Schluss gar ausgiebig – mit ausgezeichnet eingepassten Verzierungen angereichert. Die große Kadenz war – aus historischer Sichtweise – im Stil vielleicht etwas gewagt, jedoch sehr unterhaltsam, mal fugiert, dann wieder mit beinahe Mendelssohnscher Motorik. Mozart hätte daran sicher seine Freude gehabt.

Das Orchester lieferte über den ganzen Abend eine ausgezeichnete Leistung. Es glänzte auch bei Bruckner mit hervorragenden Bläsern, sowie homogenen, intensiven Streichern. Die Akustik trug wesentlich dazu bei, den Klang durchsichtig, transparent und räumlich gestaffelt zu halten, wobei einzig die Violinen etwas zu direkt klangen. Berührend waren die intimen Momente. Nie ließ der Dirigent den Fluss abbrechen, selbst wenn die Musik sich beruhigte, leise wurde, neu ansetzte. Tempoübergänge vollzogen sich fast unmerklich, mit einer Selbstverständlichkeit sondergleichen. Haitink dirigierte mit sparsamen, aber hochpräzisen Gesten, behielt das Heft in der Hand, die Dynamik im Zaum, kraftvoll, wo nötig, doch nie die Grenzen der Raumakustik überschreitend. Dies galt auch für den nicht enden wollenden Schlussjubel des ersten Satzes, der eigentlichen Klimax des Werks.

Das Adagio ist eine Trauermusik, geprägt vom Klang der Wagnertuben. Leider kam das Charakteristische der leicht gedeckten, gedämpften Klangfarbe dieser Instrumente kaum zur Geltung. Dennoch beeindruckte der Wandel vom schmerzhaft-dissonanten, ersten Einwurf hin zum traurig-versöhnlichen Schluss. Dazwischen kulminierte der Satz im ominösen Beckenschlag mit Triangel, zu welchem sich der allzu gefügige Bruckner in der dritten Version der Symphonie von zwar wohlmeinenden, aber dennoch anmaßenden Beratern hat überreden lassen. Diese Instrumente haben in der ganzen Symphonie sonst keine Funktion. Im Scherzo beindruckte die Präzision, die Disziplin der Streicher, das Engagement. Beinahe hatte man das Gefühl, lauter erste Pulte vor sich zu haben. Bemerkenswert war Haitinks Selbstverständlichkeit in der Tempowahl, sowie seine nicht nachlassende Fähigkeit, etwa im Trio dramatische Bögen zu spannen.

Selbst im Schlusssatz dirigierte der Maestro forsch, ließ nicht nach in der Intensität, gestaltete dramatische Stellen resolut und kräftig im Ausdruck. Er behielt das Tempo flüssig, wusste die Spannung auch über Generalpausen zu halten, vermied übermäßiges Verbreitern des Schlusses, unangebrachte Verklärung. Nein, Altersschwäche ließ er sich beim Dirigieren nicht anmerken. Erst nach dem Schlusston schien ihm der Wille, die Kraft für ein Halten der Spannung zu einem feierlichen „Nachmoment” zu fehlen. Erst beim Applaus wurde ersichtlich, wie gefordert er war.

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