Was ist nicht schon alles über Mozarts zweites Drama giocoso geschrieben und gesagt worden? E.T.A. Hoffmann nannte sie die Oper aller Opern und Sören Kierkegaard hat gar eine komplette Musikästhetik auf ihr aufgebaut. Nach der Zauberflöte ist Il dissoluto punito ossia il Don Giovanni, wie die Oper mit vollem Titel heißt, das meistgespielte Musiktheaterwerk von Wolfgang Amadé Mozart und hat zahllose Deutungen und Interpretationen von den Granden des Musiktheaters bis zur kleinen Studiobühne erfahren. Lässt sich dem, so möchte man fragen, noch etwas Originelles hinzufügen?

Kristiane Kaiser (Donna Anna) © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Kristiane Kaiser (Donna Anna)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

Die Intendanz der Wiener Volksoper meint ja und lässt einen besonderen Bühnenkünstler diesen Versuch unternehmen. Achim Freyer, der nicht zu Unrecht als Theatermagiker bezeichnet wird, hat sich des Mozart'schen Don Giovanni in seiner Karriere schon zweimal angenommen. Bei seiner dritten Neuinszenierung will er vor allem den Titelhelden als ein Prinzip auf die Bühne bringen, das in jeder Gesellschaft die wesentliche Rolle spielt: das Prinzip der Verführung.

Dieses versucht er in einer farbenprächtig-verspielten, märchenhaft-verzauberten Inszenierung herauszuarbeiten , in welcher Gesten eine tragende Rolle spielen. Achim Freyer ist dabei nicht nur Regisseur, sondern auch Bühnen- und Kostümbildner wie Lichtdesigner in einer Person. Ein schwarzweißes Einheitsbühnenbild mit farbigen Akzentsetzungen, das je nach Situation ausgeleuchtet werden kann, prägt den Abend. In einer scheinbar am Meer gelegenen Spielfläche (ein weiß-roter Leuchtturm und immer wieder auftretende Fischer evozieren dies) mit Hotel und Kapelle bewegen sich die Figuren, die irgendwo zwischen Kasperltheater und Commedia dell'arte anzusiedeln wären, durch die Handlung. Jede von ihnen ist mit einem eigenen, so nennt dies Achim Freyer im Programmheft, Zyklus an Gesten versehen, der für sie oder ihn typisch ist und den sie jeweils ausüben, ob dies nun zur gesungenen Emotion passt oder auch nicht.

Josef Wagner (Don Giovanni) © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Josef Wagner (Don Giovanni)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Freyer verfolgt damit ein hehres Ziel, nämlich die Befreiung von der Handlung durch ein Set an „falschen“ Gesten, was die Zuschauenden zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit dieser Figur bringen soll. Dies ist sicherlich nicht jedermanns Sache, denn es wird in dieser Inszenierung folglich viel gezappelt, was generell zu erstaunlich viel Bewegung führt. Wer sich allerdings auf dieses „Theater“ einlässt, der kann einen kulinarischen Opernabend erleben, der tatsächlich einen neuen Blickwinkel auf den alten Don Giovanni bereithält.

Kulinarik ist, wie das Programmheft verrät, ein wichtiger Aspekt des Don Giovanni. Essen und Genießen hängen in diesem Werk zusammen und daraus generiert Freyer eine witzige, vielleicht auch etwas geschmacklos-grandiose Schlusspointe. Don Giovanni, das Prinzip der Verführung, fährt am Ende nicht in die Hölle, sondern wird von allen Charakteren der Oper zerrissen und als „Würstl à la Don Giovanni“ zum Abschluss im Restaurant, in welches die Zuschauer eingeladen werden, verzehrt.

Leider vermochte die musikalische Ausgestaltung des Abends nicht ganz mit der gelungenen szenisch-pointierten Aktion von Achim Freyer mitzuhalten. Das soll aber mitnichten heißen, dass das von Bühne und Orchestergraben unter der Leitung von Jac van Steen Gehörte schlecht gewesen wäre! Vielmehr wurde ein handwerklich solider Abend geboten, welcher den ein oder anderen schönen Augenblick bereithielt. Hie und da wäre eine etwas zupackendere Interpretation wünschenswert gewesen. Dies ließ sich bereits an der Ouvertüre festmachen, der leider etwas der Tiefgang fehlte, da die Temporelation zwischen langsamer Einleitung und schnellem Hauptteil nicht klar genug herausgearbeitet war.

Anita Götz (Zerlina), Josef Wagner (Don Giovanni) und Ben Connor (Masetto) © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Anita Götz (Zerlina), Josef Wagner (Don Giovanni) und Ben Connor (Masetto)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Allgemein neigte van Steens Interpretation der Partitur dazu, eher einem romantischen Klangideal nachzuhängen als einem von der historisch informierten Aufführungspraxis geprägten. Dennoch kann auch diesem einiges abgewonnen werden. Die Sängerinnen und Sänger des Abends boten ebenfalls eine solide Leistung. Leider wurde deren Gesangspart zusätzlich erschwert durch eine etwas seltsame Sprachlösung, welche für die Aufführung an der Volksoper gewählt wurde. Statt wie für das Haus üblich eine deutsche Übersetzung der Oper zu geben, wurde nämlich eine Mischfassung zwischen italienischer und deutscher Sprache gewählt. Je nach Situation auf der Bühne sangen die Gestalten einige Sätze Deutsch, dann wieder einige Italienisch, so dass ein sehr seltsames, babylonisches Sprachengewirr die Folge war.

Aus der Sängerriege ragten naturgemäß Daniel Ochoa (Don Giovanni) und Yasushi Hirano (Leporello) heraus. Ochoa überzeugte mit einem spielfreudigen, fein eingefärbten Bariton, ebenso Hirano, der mit seinem wohlklingenden, hohen Bass vor allem die Register-Arie zum Schmankerl gestaltete. Kristiane Kaiser zeigte sich als mit angenehmem Sopran leidende Donna Anna, die den sekundierenden Don Ottavio von JunHo You zum Racheschwur an Don Giovanni nötigte. Bei diesem war die Partie des Don Ottavio gut aufgehoben, obwohl seinen Arien noch der große Bogen fehlte. Die Donna Elvira von Esther Lee machte einen darauf gespannt, welche Rollen ihr noch in Zukunft zukommen werden, denn hier zeigte sich eine leidenschaftliche Sängerin mit großer Bühnenpräsenz. Als gut besetzt erweisen sich auch die restlichen Rollen mit Mara Mastalir (Zerlina), Daniel Ohlschläger (Masetto) und Andreas Mitschke (Komtur).

Eine Inszenierung, die man, vom Sprachenwirrwarr einmal abgesehen, gesehen haben sollte.

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