Das Belcea Quartett hat sich über die 24 Jahre seines Bestehens innerhalb der Kammermusik-Szene einen respektablen Namen verschaffen. Davon zeugt unter anderem ein breites Repertoire an CD-Aufnahmen, von Mozart bis Dutilleux. An diesem Konzert in der barocken Kirche St.Peter präsentierte das Quartett Werke von Mozart, Janáček und Dvořák, und man durfte gespannt darauf sein, wie weit die rumänische und polnische Herkunft der beiden Gründungsmitglieder, Corina Belcea-Fisher und Krzysztof Chorzelski, auf die beiden tschechischen Kompositionen abfärben würde.

Belcea Quartett © Marco Borggreve
Belcea Quartett
© Marco Borggreve

Der Beginn jedoch gehörte mit Mozarts Streichquartett in B-Dur der Wiener Klassik: ein Ideal in Proportionen und Gestaltung. Klassische Heiterkeit strahlten bereits die ersten Takte aus. Das zurückhaltende Thema kontrastierte mit sanftem Ton mit den luftig, leicht artikulierten Begleitstimmen. Selbst wenn die Musik in der Durchführung intensiver wird, blieb der Ton kontrolliert und bar jeglicher Rauheit, die Triolenketten in weichem Portato. Stets war die Balance perfekt, und wenn erste Violine und Cello gelegentlich im Dialog dominierten, so ist das im Sinne des Komponisten. Im Larghetto führte die wunderbare, verträumte Kantilene von Cello und Bratsche das Thema ein. Der ganze Satz berückte in seiner Subtilität und Ausgewogenheit. Dabei fiel auf, wie ideal abgestimmt die Instrumente in Klang und Tongebung waren. Maßvoll und transparent war ebenso das Menuett, das nicht übermäßig tänzerisch war, auch nicht sehr dramatisch selbst im Trio, wo der Tonfall ernster wird. Der Schlusssatz überzeugte durch detaillierte, notengetreue Dynamik, ausgezeichnete Koordination und akustische Balance.

Mit Janáček begab sich das Ensemble auf ganz anderes Terrain: im Ausdrucksspektrum, in Dramatik, der Intensität und in den spieltechnischen Mitteln ist dessen Erstes Quartett mit klassischen Werken nicht zu vergleichen. Im Gegensatz zu Mozart legt der Komponist hier ein Programm zugrunde – nicht Beethovens „Kreutzer“ Sonate, sondern Tolstois gleichnamige Novelle. Es geht ihm dabei nicht um den konkreten Handlungsstrang, sondern um das emotionale Drama der Vorlage, eingebettet in eine melancholisch gedrückte Grundstimmung, die man aus anderen Werken des Komponisten kennt. So gefühlsintensiv die Musik ist, so genau und detailversessen ist Janáček in der Partitur.

Das Belcea Quartet traf die Grundstimmung der Komposition ausgezeichnet, spielte sehr emotional und zupackend, auch oft mit starkem, der Musik angemessenem, Vibrato, arbeitete die Stimmungskontraste und -umschwünge plastisch heraus – beinahe fühlte man sich ins Theater versetzt! Schönklang ist hier nicht gefragt, ganz im Gegenteil. Der dritte Satz fordert Fortissimo sul ponticello, welches man nur als „wüstes Kratzen“ beschreiben kann. Das kontrastiert mit ausgesprochen schönen, melodischen Segmenten, wobei beide Extreme vorzüglich realisiert waren. Es ist durchweg packende Musik, der man sich kaum entziehen kann. Es war faszinierend, zu beobachten, wie auch in starken Tempokontrasten, durch extremes Rubato nie Koordinationsschwächen auftraten – ein Hinweis auf langjährige Erfahrung und profunde Vorbereitung. Der Interpretationsansatz war insgesamt eher emotional denn auf dozierendes Zelebrieren der Notenschrift ausgerichtet. So waren zum Beispiel Janáčeks genauen Tempoabstufungen kaum wahrzunehmen. Diese mögen geringfügig sein, aber der Komponist schrieb sie aus gutem Grund in die Partitur.

Als drittes Werk folgte das „Amerikanische“ Quartett von Dvořák und damit eine Rückkehr ins harmonischere Gefilde, die leider nicht durchweg überzeugte. Öfters fiel mir etwas exzessives Vibrato, ein Zuviel an Portamento, sowie gelegentliches Nachdrücken auf. Der Eröffnungssatz begann fast zu zügig – jedenfalls nahm das Ensemble das Tempo im zweiten Thema deutlich zurück. Die Wechsel zwischen melodischen und dramatischen Segmenten ermangelten gewiss nicht der Deutlichkeit, waren im zweiten Satz eher zu stark, zu wenig subtil. Hier fehlte es an Ruhe. Dies traf vor allem auf den Schlusssatz zu, der technisch ausgezeichnet, virtuos, makellos in Koordination, Dynamik und Balance war, aber das ma non troppo in der Tempobezeichnung ging verloren. Es blieb keine Zeit und Gelegenheit für Agogik, dieses feine rhythmische Schwingen innerhalb eines Taktes. Das galt auch für den dritten Satz, welchem die subtile slawische rhythmische Ambiguität, dieses Spiel mit Synkopen und Agogik beinahe vollständig abging.

Etwas versöhnend wirkte danach die Zugabe, die Cavatina aus Beethovens Quartett in B-Dur, das dem Ensemble wieder mehr zu liegen schien als Dvořák.

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