Silvesterkonzerte sind für gewöhnlich Angelegenheit des Chefdirigenten. Doch da im Moment kein Dirigent Chef der Berliner Philharmoniker ist, hat Daniel Barenboim, der seit über 50 Jahren mit dem Orchester verbunden ist, das Konzert übernommen und verabschiedete das alte Jahr mit Mozart und Ravel.

Daniel Barenboim und die Berliner Philharmoniker © Monika Rittershaus
Daniel Barenboim und die Berliner Philharmoniker
© Monika Rittershaus

Barenboim beschäftigt sich sowohl als Dirigent als auch Pianist lebenslang mit Mozarts Klavierkonzerten. Er spielt sie gerne, wie der Komponist selbst es auch getan hat, und leitet das Orchester vom Flügel aus. Viel dirigieren muss und wollte er an diesem Abend jedoch nicht. Barenboim und das Orchester wissen ganz genau, dass Mozart, wie er seinem Vater schrieb, die „Nichtkenner“ auf charmante Weise ein wenig hintergehen müsste, um sie mitnehmen zu können: Die Hörerschaft will „zufrieden seyn“ – „ohne zu wissen warum!“ Wie dies gelingt, soll hier an einem Beispiel erläutert werden, das für viele andere Stellen der Aufführung steht. Mozart gibt im dritten Satz dem Refrainthema ein Nebenthema hinzu, das sich in der Durchführung auf komplizierte Weise nach B-Dur verliert, obwohl Mozart viel einfacher in diese Tonart hätte modulieren können. Wenn diese Irrfahrt beendet ist, nimmt die Durchführung ihren sprudelnden Redefluss wieder auf, so als sei gar nichts geschehen. Irgendetwas stimmt aber nicht. Die Reprise verläuft rückläufig, geht also vom Couplet-Thema aus, und das sich in der Durchführung nach B-Dur verirrt habende Thema kommt gar nicht mehr wieder. Diese Geschichte wussten Barenboim und das Orchester ganz entspannt zu erzählen; und darum ist Barenboim für mich immer noch ein großer Mozartinterpret, mag er nun jeden Ton treffen oder nicht.

Nach der Pause gab es vier Werke Ravels zu hören; zunächst die Rhapsodie espagnole. Bei aller Brillanz der Instrumentation ist dieses komponierte Spanienbild von einer Härte und Ausgezehrtheit gezeichnet, die mit dem, was wir zum Beispiel in Debussys Ibéria hören, wenig gemein hat. Barenboim weiß das genau zu unterscheiden und glättete hier nichts. Das Prélude à la nuit ließ er sich wie in eine ewig schon dauernde Bewegung einfinden. Im Schlusssatz Feria (Volksfest) schichtete er mehrere der Iberianismen in verschiedenen Rhythmen übereinander und ließ sie ineinander stürzen, wobei die erstaunlichsten Klänge hörbar wurden bis der Tanzrausch in die Katastrophe steuerte. Hier konnte das Orchester einen tiefschwarzen Klang erzeugen. Für mich der Höhepunkt des Abends!

Daniel Barenboim © Monika Rittershaus
Daniel Barenboim
© Monika Rittershaus

Die Alborada del Gracioso wurde unter Barenboims Leitung zu dem grotesken „Morgenlied des Narren“, als das Ravel das Stück auch komponiert hat. Die Unterscheidung zwischen Ernst und Parodie soll nicht wahrgenommen werden, so dass einige im Saal im Saal klatschten, bevor das Stück zu Ende ist. Die noch während seines Studiums komponierte Pavane für eine entschlafene Infantin ließ Barenboim ruhig einschlafen, bevor er sich schließlich mit dem Bolero Ravels wohl bekanntester Komposition zuwandte. Das Stück erklang, ganz im Sinne des Komponisten, als „reiner Orchesterstoff“, aber Musik ist es am Ende doch, auch wenn der Komponist selbst darauf bestand, dass es „ein Meisterwerk ohne Musik“ ist. Mit größter Disziplin spielten die Musiker. Barenboim dirigierte eher zuhörend als eingreifend das lange, ganz allmählich anwachsende Crescendo, unterstützt von Raphael Haeger, der aus der Mitte des Orchesters unaufhörlich die kleine Trommel spielte. Igor Strawinsky nannte Ravel einmal einen „Schweizer Uhrmacher“ – und Feinmechanik in genauester Kalkulation ist auch das oberste Gebot dieser Darbietung. Die beiden einander abwechselnden Themen wurden so unpersönlich gespielt, wie Ravel es haben wollte, und doch gaben die Musiker den beiden Melodien auf ihrer Wanderung durch das Orchester stets eine insistierende Kraft, bis das Ganze sich dann in der Coda in scheinbar unkontrolliertem Blechbläser-Jaulen entlud und zusammenstürzte.

Dass Barenboim nicht allein mit dem Orchester gut umgehen kann, sondern auch mit dem Publikum, zeigte er in den vier Zugaben aus George Bizets Carmen-Suite Nr. 1, in der er die Oper wie zum Jahresrückblick auch rückwärts ablaufen ließ: Es fing an mit Aragonaise, dem Vorspiel zum vierten Akt, es folgten mit Intermezzo und Les dragons d’Alcala dann die Vorspiele zum dritten und zweiten Akt. Bei Les Toréadors, der eigentlichen Ouvertüre, dirigierte Barenboim mit dem Rücken zum Orchester die im Rhythmus klatschende Zuhörerschaft. In dieser Silvester-Stimmung konnte dann auch darüber hinweggehört werden, dass Bizets Spanienbild gegen das raffinierte Ravels etwas harmlos anmutete.

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