Ein Diktator als grausamer Scherz? Nicht einmal fünf Minuten dauert das Gewaltscherzo in Schostakowitschs Zehnter Symphonie, das der Komponist wohl als Abrechnung mit dem übermächtigen Stalin komponierte. Obwohl der Satz der mit Abstand kürzeste der gesamten Symphonie ist, hinterlässt er mit gehetzt brausenden Streichern und kreischenden Holzbläsern, die wie eine Dampfwalze durch den Satz brodeln, den größten Eindruck.

Mariss Jansons während den Proben © Astrid Ackmann
Mariss Jansons während den Proben
© Astrid Ackmann

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks interpretierte die Symphonie in der Münchner Philharmonie unter der Leitung ihres Chefdirigenten Mariss Jansons fernab mythologischer Programminterpretation ganz auf die Musik fokussiert. Besonders im ersten Satz wurde so die Mahler-Verwandtschaft in Schostakowitschs Musik deutlich hörbar. Wunderbar gelang es Jansons dabei, die Parallelen mit der typischen subtilen Doppelbödigkeit einer Schostakowitsch-Symphonie in Einklang zu bringen. Den groben, grotesken Ländlerversuch, der nicht so richtig in Schwung kommen möchte, interpretierte Jansons als skelettartigen Totentanz, der nach anschließender fahler Grübelei von martialischem Blech marschartig überrollt wurde. Gewissenhaft arbeitete Jansons im dritten Satz das Wechselspiel zwischen der ironischen Raffinesse des Walzers und den pastoralen Hornrufen heraus, die er auf sehr zwingende Weise zum Wechselspiel von Glück und Tumult werden ließ. Zu Beginn des Finals konnte man die solistische Extraklasse der Holzbläser der BR-Symphoniker genießen, die die Andante-Einleitung des Satzes vielschichtig und farbkräftig verdichteten, bevor sich der Satz in überdrehte Ausgelassenheit katapultierte. So muss Schostakowitsch interpretiert werden!

Rudolf Buchbinder während den Proben © Astrid Ackmann
Rudolf Buchbinder während den Proben
© Astrid Ackmann

In der ersten Hälfte hatte das Orchester als Appetithäppchen die Ouvertüre zur Oper Euryanthe von Carl Maria von Weber ausgewählt. Für einen bloßen Appetitanreger ist die Ouvertüre allerdings viel zu reichhaltig und mit ihrem Hang zum Fantastischen viel zu vielschichtig. Obwohl Jansons das Orchester unverständlich opulent besetzt hatte, spielten die Symphoniker zwar sehr energetisch wenn auch nicht wirklich idiomatisch. Auch hier arbeitete Jansons viele Details der Partitur heraus, ließ der Musik Raum zum Entwickeln, fand allerdings nicht den gleichen intuitiven Zugang, der seine Interpretation der Schostakowitsch-Symphonie prägte.

An die Ouvertüre schloss sich Mozarts A-Dur-Klavierkonzert KV 488 an, das die Symphoniker gemeinsam mit dem verlässlichen und gut bekannten Konzertpartner Rudolf Buchbinder interpretierten. Nachdem Buchbinder am Abend zuvor Beethovens Zweites Klavierkonzert interpretiert hatte, wirkte die ausgelassene Grundstimmung des 23. Klavierkonzerts von Mozart perfekt für das noble, geradlinige Spiel des Österreichers. Auch wenn der erste Satz nach geordneter Präzision klang, überraschte es, dass hier seine Routine nicht Gefahr läuft, Oberflächlichkeit zu bewirken, sondern vielmehr Quelle für ein unglaublich tiefes Verständnis für die Musik. Da gestaltete sich das Adagio als magischer Ruhepol, den Buchbinder mit sanglicher Feinheit und glasklarer Artikulation aus dem Flügel zauberte, ohne dabei allerdings in sentimentale Traurigkeit zu versinken. Zur gleichen Zeit wie Le nozze di Figaro komponiert, kann (und will?) das Klavierkonzert gerade im Rondo-Finale seine Opernhaftigkeit nicht verstecken. Da mochte auch ein erfahrener Pianist wie Buchbinder seine Freude an der Musik nicht verstecken, sang stumm mit, ließ die Füße kreisen und übertrug das Ganze in ein spritziges Finale, das in perfektem Zusammenspiel mit den BR-Symphonikern vor Übermut nur so sprudelte und Spaß pur bedeutete.

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