Das Münchener Kammerorchester ist eine feste Größe im Musikleben der Alpenstadt und hat sich auch über die Landesgrenzen hinaus großes Renommee erspielt. Seine Mitglieder geben sich nicht mit routinemäßig abgespulten Ohrwürmern zufrieden, sondern widmen sich in intensiver Arbeit neuen Werken und teils unbequemen Neuaufführungen, die auch das Publikum immer wieder aufs Neue herausfordern. So auch im Konzert am 27. November im Prinzregententheater, das ganz unter dem Motto „Kindheit“ stand.

Das Münchener Kammerorchester © Marek Vogel
Das Münchener Kammerorchester
© Marek Vogel
Das Orchester begann den Abend mit der mehrsätzigen Fantasia für Streicher: aus der Musik zu dem Film „Der junge Törless“ von Volker Schlöndorff des Großmeisters Hans Werner Henze. Das Stück war als Eröffnung nicht nur wegen des thematischen Bezugs hervorragend gewählt, sondern erlaubte es sowohl dem Publikum als auch den Streichern, sich auf das folgende Konzerterlebnis einzustimmen. Äußerst transparent und kammermusikalisch präzise entwickelte das Orchester trotz anfänglicher intonatorischer Trübungen Henzes Psychogramm des Zöglings Törless. Schlöndorff hatte 1966 Musils literarische Vorlage filmisch in die Gegenwart geholt und das ewig aktuelle Thema der Schuld durch Unterlassen und des Mitwisser-Dilemmas bedrückend dargestellt. Henze wiederum verleiht den Höhen und Tiefen der Emotionen des Schülers Törless, welcher Zeuge sadistischer Quälereien an einem Mitschüler wird und nichts dagegen unternimmt, mit den Mitteln der Musik eine zeitlose Ästhetik. Besonders eindrücklich gelang den Musikern das forsche Vivace.

Bereits hier deutete sich an, was den Verlauf des Abends immer stärker prägen sollte. Alle beteiligten Künstler wagten viel - und gewannen! So auch Steven Isserlis beim herrlich schwungvollen Cellokonzert Nr. 1 in a-Moll von Camille Saint-Saëns. Die atemberaubend elegante und entspannte Technik des britischen Ausnahmekünstlers fasziniert immer wieder aufs Neue. Isserlis, der auch ein Meister der historischen Aufführungspraxis ist und gerade deshalb das entspannte Atmen der musikalischen Bögen perfekt beherrscht, versprühte all seine natürliche Virtuosität und Spielfreude, ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Dies gab dem Orchester, das mittlerweile um einen homogenen Bläsersatz angewachsen war, die Möglichkeit, in einen sorgfältig einstudierten und fein nuancierten Dialog mit Isserlis zu treten. Selten war eine Aufführung des Cellokonzerts von Saint-Saëns derart kurzweilig und herzerfrischend.

Nach der Pause knüpfte das Orchester mit dem Lullaby for Hans von Mark-Anthony Turnage an das erste Stück des Abends an. Der 1960 im britischen Essex geborene Turnage komponierte dieses Stück nämlich 2005 zu Ehren Hans Werner Henzes, mit dem ihn Zeit seines Lebens eine enge musikalische und freundschaftliche Beziehung verband. Beide Komponisten hatten eine schwere Kindheit erlebt und diese frühe Prägung immer wieder in ihrem musikalischen Schaffen verarbeitet. Das Lullaby ist ein nachdenkliches und leicht melancholisches Stück in Reminiszenz „an die wundervollen Tage, die ich mit ihm [Hans Werner Henze] über viele Jahre verbracht habe.“ Clemens Schuldt vermochte mit seinem sensiblen und differenzierten Dirigat das Publikum sofort wieder in seinen Bann zu ziehen. Schuldt ist einer der begabtesten Dirigenten seiner Generation und steht an der Schwelle zu einer großen internationalen Karriere. Neben einem reichen Schlag-Repertoire verfügt er über große musikalische Intelligenz, mit der er durch das facettenreiche Programm dieses Abends führte.

Steven Isserlis © Jean Baptiste Millot
Steven Isserlis
© Jean Baptiste Millot

Die folgenden Deux mélodies hébraiques von Maurice Ravel für Violoncello und Streichorchester, zwei volkstümliche und von jiddischen Melodien beeinflussten Stücke, entwerfen vielfältige interkulturelle Diskurse zwischen Volks- und Kunstmusik, arabischer und europäischer Tradition, und haben trotz lyrischer Sanftheit auch eine melancholische Färbung, mit der Ravel die Stimmung am Vorabend des ersten Weltkriegs einfängt. Steven Isserlis verzauberte erneut das Publikum mit frei-atmenden Kantilenen und expressivem Klangreichtum. Nach frenetischem Jubel ließ er sich nicht lange bitten, noch eine Zugabe zu spielen. Zum Entzücken des Publikums zupfte Isserlis das aus reinem Pizzicato bestehende humorvolle Chonguri des weitgehend in Vergessenheit geratenen georgischen Cellisten und Komponisten Sulkhan Tsintsadze. Welch’ gelungene Überleitung zur heiteren Linzer Symphonie des ewigen Wunderkindes Wolfgang Amadeus Mozart, welche dieser innerhalb weniger Tage im Alter von 27 Jahren während einer Reise von Wien nach Salzburg mit Zwischenstopp in Linz aufs Notenpapier warf. Das Münchener Kammerorchester unter Clemens Schuldt brillierte mit herrlich sauber intonierenden Holzbläsern, umrahmt von fabelhaft präzise und frisch aufspielenden Hörnern und Naturtrompeten.

Wieder einmal bewies das Münchener Kammerorchester in gewohnt hoher Qualität über alle Epochen hinweg sein bewundernswertes Engagement jenseits des Klassik-Mainstream und fand in Steven Isserlis einen kongenialen musikalischen Wegbegleiter.