Was fällt einem spontan ein, wenn man an osteuropäische Werke in der klassischen Musik denkt? Komponisten wie Dvořák oder Janáček, die sich liebend gerne den einen oder anderen folkloristischen Elementen ihres Heimatlandes bedienten, oder an eher landschaftlich inspirierte Kompositionen wie Bedřich Smetanas Má vlast. Von letzterem Werk erklangen am vergangenen Sonntagvormittag nur Auszüge; selten Gehörtes ergänzte das Programm, durch das der junge Senkrechtstarter Krzysztof Urbański die Münchner Philharmoniker leitete.

Münchner Philharmoniker © wildundleise.de
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Den Einstieg gewährte ein Werk des polnischen Komponisten Wojciech Kilar, dessen Name dem Gros der Konzertbesucher vor dem Konzert wahrscheinlich noch nicht geläufig war. Zu Unrecht, denn der erst 2013 verstorbene Komponist nahm in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts eine zentrale Rolle ein: Neben Komponisten wie Lutosławski und Penderecki war er ebenfalls wichtiger Vertreter der polnischen Moderne, verwischte in seinen Werken die Grenzen der ernsten Musik und der Unterhaltungsmusik und erlangte Bekanntheit durch seine Filmmusik zu Roman Polanskis Der Tod und das Mädchen und Der Pianist.

In seinem Werk Orawa für Streichorchester entlehnte er der Volksmusik seines Heimatlandes kurze folkloristische Melodiefragmente, die er dann mit einer minimalistisch anmutenden Kompositionstechnik verarbeitete. Eine Sologeige stellte das erste melodische Element vor, welches typischerweise aus schlichten rhythmischen und melodischen Einheiten besteht. Nach und nach breitet sich dies auf die anderen Mitglieder des Streichorchesters aus, und ehe man sich versah, umhüllte einen ein flächiger und reichhaltiger Klang, eine wilde Mischung aus Klangfarben, die mal an die hymnischen Kompositionen Arvo Pärts oder an Dvořáks Slawische Tänze denken ließen. Oft wurden bestimmte Klangflächen aufgerissen, um kontrastierenden Elementen Platz zu bieten – es alternierten raue, harte Klänge mit glasklaren, lichten und hoch gelegenen Akkorden, Melodien mit Clustern. Gegen Ende spitzt sich die Komposition rasant zu, wird für jeden Musiker technisch enorm anspruchsvoll, bis alle Instrumentalisten mit ihrem letzten Akkord den Bogen mit einem lauten „Hey!“ in die Luft schwingen. Eine durchaus interessante Komposition, die die eher simplen Strukturen der polnischen Volksmusik nutzte, um sie in einem hochkomplexen, aber trotzdem unterhaltsamen und kraftvollen Stück zu verarbeiten.

Einen großen Kontrast dazu bildete das darauffolgende Konzert für Orchester von Kilars Landsmann Lutosławski. Hier wurden zwar ebenfalls Melodien aus ihrem ursprünglichen Kontext der Volksmusik gerissen und auf verschiedenste Art verarbeitet, jedoch bedient sich Lutosławski vollkommen anderer kompositorischer Mittel. Statt die Melodien in einen homogenen Klangteppich einzubetten, tritt jede Instrumentengruppe kurz solistisch hervor. Die acht im Werk verarbeiteten Themen entstammen der Gegend um Warschau und blitzen im Laufe der drei Sätze immer wieder hervor, von Lutosławski immer durch andere Rhythmen, Harmonien und Besetzungen geführt. Trotz seines höheren Bekanntheitsgrads schien dieses Werk wesentlich weniger zugänglich als sein Vorgängerstück, welches sich auch in der Publikumsreaktion bemerkbar machte: Applaus erklang erst sehr verhalten, wuchs dann aber rasch an, um die herausragende Leistung des Orchesters und vor allem des Dirigenten zu würdigen, der das riesige Orchester mit seiner strengen und etwas exzentrischen, aber nicht unsympathischen Art sicher durch die anspruchsvolle Komposition führte.

Den Abschluss des Programms bildeten die ersten drei sinfonischen Dichtungen aus dem Zyklus Má vlast von Bedřich Smetana. Im ersten Satz, der von der Prager Hochburg handelt, konnten sich die Zuhörer zurücklehnen und der Entwicklung des Stücks lauschen, die effektvoll und äußerst bildhaft den Aufstieg und den Fall der Burg erzählt. Darauf folgte Smetanas wohl bekanntestes Werk, Die Moldau. Die durchaus nicht einfach zu koordinierenden Holzbläsermotive am Anfang, die die kleinen Ursprungsquellen der Moldau darstellen, waren mit größter Genauigkeit musiziert und ließen auch peniblen Konzertbesuchern wenig zu wünschen übrig. Von frischer Musikalität geleitet entfaltete sich das Werk und ertönte so prächtig, dass es mir persönlich große Freude machte, obwohl ich es privat wahrscheinlich schon viel zu oft gehört habe.

Eine ganz andere Thematik verkörperte das letzte Stück dieses Matinéekonzerts. Šárka erzählt nicht direkt von der gleichnamigen Gegend nördlich von Prag, sondern orientiert sich an der Sage der männermordenden Amazonenkönigin. Ihre Geschichte ist so grausam, wie das Stück vermuten lässt: Šárka, die der Männerwelt Rache geschworen hatte, lockt einen Prinzen in die Falle und heiratet ihn, nur um ihn wenig später mit Hilfe ihrer Gefährtinnen zu töten. Mit stürmischen Melodien und scharfen Akzenten untermalt Smetana die düstere Thematik, lässt die Musik kaum zur Ruhe kommen. Dieses temperamentvolle Werk am Ende des Konzerts zu spielen muss für alle Beteiligten eine immense Herausforderung gewesen sein, doch von Ermüdung keine Spur. Urbański wusste aus den Musikern noch bis zum Ende alles herauszuholen für einen fulminanten Abschluss dieses vielfältigen Programms.

Es herrschte eine gute Balance zwischen vertrauter und unbekannter Musik. Letztere forderte den Hörer, überlastete ihn aber nicht in ihrer Komplexität und Unzugänglichkeit. Sich an dem roten Faden der volkstümlichen Musik zu orientieren mag riskant sein, da immer die Gefahr der Eintönigkeit droht. Die hier gespielten Werke aber hätten trotz des mehr oder wenigen gemeinsamen Ursprungs ihres Hauptmaterials unterschiedlicher nicht sein können und ließen den Konzertbesucher mit vielen verschiedenen Melodien und Bildern im Kopf den Nachhauseweg antreten.