Mit Brahms' Violinkonzert und Bruckners Vierter Symphonie boten die Münchner Philharmoniker unter der Leitung ihres neuen Chefdirigenten Valery Gergiev dem Essener Publikum ein großes und interessantes Programm. Nicht zuletzt trug auch Janine Jansen auf der „Barrére“ Stradivari mit einer impulsiven Interpretation des Violinkonzertes zu dem unterhaltsamen Abend bei.

Janine Jansen © Sara Wilson | Decca
Janine Jansen
© Sara Wilson | Decca

Allein durch ihr bodenlanges Kleid aus schwarzem Tüll hatte Janine Jansen die volle Aufmerksamkeit des Publikums für sich gewonnen, als sie die Bühne im Alfred Krupp Saal zum ersten Mal betrat. Zu beobachten war, wie aufmerksam sie den Münchner Philharmonikern bei der Einleitung zu Brahms' Violinkonzert lauschte. Mit leicht vorgebeugtem Oberkörper schien sie die weichen Klänge des Orchesters aufzusaugen, die zum Ende der Einleitung trotz Dramatik in der Musik nicht an ihrer Empfindsamkeit einbüßten. Einer anderen Schiene bediente sich Jansen da in ihrem eigenen Spiel, in dem sie ihre Saiten in den Abstrichen nur kurz und mit viel Druck auf dem Bogen anriss. Ein kantiger Ton erklang so konträr zu den melodischen Linien des Orchesters. Über das gesamte Stück hinweg erhielt sich eine Wechselbeziehung von weichen und entspannten Klängen aus dem Orchester und dem intensiven Spiel Janine Jansens. Genau diese Mischung mache das Konzert für das Publikum so interessant.

Das Gleichmaß zwischen Orchester und Solovioline, das oft in Brahms' Konzert beschrieben wird, hatte Jansen bewusst durch ihre mit dem Orchester kontrastierende Spielweise gebrochen. Während Gergiev die Münchner Philharmoniker zu langen, zusammenhängenden Phrasen und runden Abphrasierungen mit kleinem Nachhall lenkte, hielt sich Jansen an kurze, harte Phrasen und akzentuierte Endnoten mit leicht kratzigem Ton. Die schnellen Läufe im letzten Satz wurden jedoch nicht mit Nachdruck und Biss gespielt, sondern waren durchsetzt von Leichtigkeit und Mühelosigkeit. In ihrer Zugabe zeigte Janine Jansen dann aber eine ganz andere Seite von sich. In Bachs Sarabande aus der Partita Nr. 2 wurde sie ganz besinnlich, entschied sich für ein langsameres Tempo als man es vielleicht gewöhnt ist und spielte so dann die Phrasen gedehnt aus.

Doch auch Bruckners Vierte Symphonie hatte nach der Pause noch einige Highlights zu bieten. Bei einer Länge von 1 Stunde und 15 Minuten ist das auch nötig, um Spannung und Aufmerksamkeit zu halten. Die immer wiederkehrenden, groß angelegten crescendo-Parts wurden stets mit derselben Behutsamkeit aufgebaut. Von einem feinen Piano ausgehend, schaukelten sich die einzelnen Stimmen allmählich bis zu einem energischen Forte hinauf. Wie im Violinkonzert wurden die Phrasen auch hier abrundend geschlossen. Das Beenden der Phrase einer Instrumentengruppe war manchmal sogar so ausgedehnt, dass die nächste Gruppe schon mit ihrer Phrase begonnen hatte. In dieser Weise entstanden wurden die Teile miteinander verwoben und schufen ein besonders dichtes Klangbild.

Anders als bei den meisten Kompositionen hat die Bratsche in Bruckners Vierter eine tragende Rolle inne. Mit Nachdruck und doch sanft erzeugten sie einen erhaben Klang, der im Wechsel mit den überlauten Tremolo der Streicher stand. Besonders die Kontrabässe stachen hierbei mit ihren aufbrausenden Tremolo heraus, und ihre pulsierende Begleitung war als tragendes Element mit gleicher Intensität wie die Melodiestimme zu hören. Hierbei zogen die Holzbläser den Kürzeren ziehen; gegen die wuchtigen Tremoli der Blechbläser und Streicher kamen sie nicht an und gingen in den forte-Passagen völlig unter.

Ganz anders das Horn zum Beginn der Symphonie. Das hauchzarte Tremolo der Streicher untermalte den friedvollen und in einem behutsamen Piano gestalten Eingang. Genauso vorsichtig und doch mit einem kernigen Piano stiegen dann auch die Flöten ein, bevor das erste große Crescendo auf drängende Weise zum spitzen Thema der Geigen führte. Und während sich die Geigen zum Ende des zweiten Satzes in die Höhe schraubten, machten Trompeten und Posaunen akzentuiert abgesetzt und mit Schärfe im Ton auf sich aufmerksam. Im signalähnlichen Thema des dritten Satzes hingegen trat das Blech weniger scharf und aufdringlich auf, sondern besänftigten mit weicheren Klängen, die auch im letzten Satz dominierten. Kontrastierend zum vorhergehenden Thema, das mit sehr viel Druck und kurzgehaltenen Phrasen interpretiert wurde, erhielt das romantische Thema bei Streichern und Holzbläsern viel Raum und konnte somit breit ausgespielt werden.