Manchmal bedauert man, dass ein Komponist einem gewissen Akteur nur kurze Auftrittszeiten zugesteht. Bei Brahms' Requiem darf die Sopranistin sich glücklich schätzen, überhaupt einen Solopart zu singen, da der Komponist ihr Solo erst im Nachhinein hinzufügte. Von Sopran-Solistin Sumi Hwang hätte man allerdings gerne mehr gehört.

Sumi Hwang © Minok Lee
Sumi Hwang
© Minok Lee

In seinem Benefizkonzert am Totensonntag verband der Münchner Konzertchor Brahms' berühmtes Deutsches Requiem mit der weniger bekannten Elegie Nänie, Op.82. Gemeinsam mit Ludwig Mittelhammer, Sumi Hwang und der Neuen Süddeutschen Philharmonie unter der Leitung von Benedikt Haag brachten die Musiker ein sehr stimmiges Programm auf die Bühne des Münchner Herkulessaals.

Die Nänie bezeichnete im antiken Rom einen Trauergesang bzw. ein Klagelied und nach diesem Vorbild schrieb Friedrich Schiller 1799 eine Elegie über die Vergänglichkeit und Endlichkeit des Schönen. Brahms vertonte das Gedicht 1881 für Chor und Orchester. Nach dem kurzen instrumentalen Vorspiel setzt der Sopran ein. Die nachfolgenden Stimmen entwickeln den Beginn zu einem dichten Klanggeflecht, wobei sich kurze a capella-Passagen des Chors mit vollem Chor- und Orchesterklang abwechseln.

Die zwölf Jahre später komponierte Nänie kommt dem Deutschen Requiem sehr nahe, wohl auch, weil sie ein ähnliches Thema behandelt. Die Besonderheit bei Brahms' Requiem liegt nicht nur darin, dass er statt der standardisierten lateinischen Liturgien deutsche Bibelverse verwendet, sondern vielmehr, dass er nicht die Bitte um die Erlösung der Verstorbenen, sondern die Trauernden in den Mittelpunkt stellt.

Die Neue Süddeutsche Philharmonie, die sich aus Mitgliedern namhafter süddeutscher Orchester, vor allem der großen Münchner Orchester wie den Philharmonikern, dem BRSO und dem Bayerischen Staatsorchester zusammensetzt, überzeugte mit großer Homogenität und ausgewogenem Klang. Den düsteren Ausdruck in den ersten beiden Sätzen boten die Musiker dabei genau so überzeugend dar wie die glänzenderen Passagen, wobei das Orchester generell nicht an überbordendem Klang interessiert schien. Dieses gradlinige Spiel passte zum Gesang des Münchner Konzertchors, wobei sich lediglich einige Soli der Holzbläser mit einem zu reichen Klang nicht recht in die schlichte Interpretation des Chores einfügen wollten. Großes Lob verdienen die Blechbläser, die den Chor im sechsten Satz während der großen forte-Passage („Denn es wird die Posaune schallen“) mit exzellenten Fanfarenmotiven unterstützten.

Ludwig Mittelhammer © Daniel Fuchs
Ludwig Mittelhammer
© Daniel Fuchs
Startete der Sopran zu Beginn der Nänie noch ein wenig kraftlos, bewies der Chor bereits in der Elegie einen beeindruckenden Chorklang, der von a capella-Passagen im Piano bis zu vollem Forte mit Orchester reicht. Die zahlreichen Fugen im Requiem entwickelte der Konzertchor unter der Leitung von Haag sehr diszipliniert und behielt dabei ein transparentes Klangbild bei. Haag war an exakter Absprache gelegen und besonders im zweiten Satz wurde die Genauigkeit in der Textausdeutung hörbar:„Denn alles Fleisch es ist wie Gras“ wurde so noch eindringlicher und kraftvoller. Mit dynamisch flexiblem Klangaufbau schlug Haag mit der Neuen Süddeutschen Philharmonie den Spannungsbogen bis zum Phrasenende konsequent.

Bariton Ludwig Mittelhammer und vor allem Sopranistin Sumi Hwang füllten ihre Parts exakt und musikalisch aus, wobei Hwang besonders mit ihrem kraftvollen und klaren Timbre beeindruckte. Mit ihren großen lyrischen Bögen verwandelte sie ihre Arie in einen Ruhepunkt des Requiems, der vor allem von ihrem präzisen Spiel mit ihrer stimmlichen Dynamik lebte. Mittelhammer hätte diesbezüglich durchaus etwas mehr geben können, machte dies aber in seinen expressiven Momenten mit starkem Ausdruck wieder wett. Auch er verfügt über ein recht gradliniges, eher tenorales Timbre, das zu der Gesamtinterpretation sehr gut passte.

„Auch das Schöne muss sterben!“ lautet der Beginn der Nänie – doch nicht an diesem Abend. Dafür war die Interpretation des Requiems vom Münchner Konzertchor und der Neuen Süddeutschen Philharmonie unter der Leitung von Benedikt Haag viel zu gut.

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