Ludwig van Beethoven war einer der größten Musikarchitekten, wenn nicht gar der allergrößte. Freilich haben auch Bach, Mozart, Schumann, Brahms und viele weitere Musikheroen geniale Klanggebäude erschaffen. Beethoven aber ist für die Musikarchitektur, was Karl Friedrich Schinkel für die Baukunst war. Er vollendete und perfektionierte die klassischen Traditionen seiner Disziplin und schuf fest verwurzelt in der historischen Herleitung neue Ansätze, die weit über seine Zeit hinausreichten und noch Generationen von Künstlern nach ihm bis in die heutige Zeit beeinflussen sollten. Der Beginn von Beethovens Fünfter Symphonie oder seine „Ode an die Freude“ sind so fest in das kollektive Gedächtnis eingebrannt wie Schinkels sternflammender Bühnenprospekt der Königin der Nacht in Mozarts Zauberflöte.

In seinem Ersten Klavierkonzert in C-Dur, Op. 15, das er zwischen 1795 und 1801 als Mittzwanziger komponierte, bediente sich Beethoven der Sonatenhauptsatzform und war offensichtlich von seinen Vorgängern Haydn und Mozart beeinflusst. Zugleich jedoch entwickelte er seinen eigenen unverwechselbaren Stil. Kaum ein Pianist hat diesen vorwärts gerichteten, von Lebensfreude und tänzerischer Leichtigkeit ebenso wie von zart-melancholischen Kantilenen erfüllten Ausdrucksreichtum derart verinnerlicht wie der New Yorker Klaviervirtuose Murray Perahia.

Murray Perahia © Felix Broese
Murray Perahia
© Felix Broese

Perahias Bühnenbeziehung zu Beethovens Klavierkonzerten überdauert mittlerweile mehr als vier Jahrzehnte. Fast ebenso lange währt seine musikalische Liaison mit der Academy of St Martin in the Fields. Viel wurde gesagt und geschrieben über die Leichtigkeit und kammermusikalische Perfektion, mit der Perahia und die Academy musizieren. Dass diese überschwänglichen Zeugnisse noch immer zutreffen, stellten sie am 2.12. in München bei ihrem ersten Konzert der Münchner Beethoven-Reihe erneut unter Beweis.

Bevor Murray Perahia jedoch seine herrlich beseelte Interpretation des ersten Klavierkonzerts darbot, spielte die Academy Beethovens Coriolan-Ouvertüre, Op.62. Mit der Wahl dieser berühmten Eröffnung zu Collins Trauerspiel in der Schicksalstonart c-Moll war der große Bogen des Konzertprogramms aufgespannt, sollte doch nach der Pause das Dritte Klavierkonzert ebenfalls in c-Moll erklingen. Zu Beginn fehlte es zwar der Academy noch an Synchronität und die Musiker hatten wohl ihre liebe Not, sich mit der diffizilen Bühnenakustik des Münchner Gasteigs anzufreunden.

Spätestens bei der Durchführung jedoch fanden die zupackenden Musiker ihre gewohnte Verve vollends wieder und trugen diese hinüber in die Eröffnung des Ersten Klavierkonzerts unter der Leitung des Pianisten. Dieser hatte wie immer seinen Konzertflügel ohne Deckel mitten ins Orchester schieben lassen. Bereits bei der piano vorgetragenen Orchesterexposition hob die schlichte Anwesenheit des langjährigen Wegbegleiters Perahia die Konzentration und Spielfreude der Orchestermusiker unmittelbar auf ein Höchstmaß an.

Nachdem das Orchester die beiden Hauptthemen unter dem engagierten Dirigat Perahias angestimmt hatte, ließ er bereits mit seinem ersten Einsatz keinen Zweifel an der verblüffend sicheren Beherrschung dieses komplexen musikalischen Stoffes. Perahia beschrieb sein Interpretationskonzept in einem jüngst gegebenen Interview so: „Beethovens Musik ist vorwärtsdrängend, aber nicht verrückt schnell. Mir geht es um Flexibilität: Wenn sich die Harmonik von der Grundtonart weit entfernt, kann man diese musikalischen Strukturen mit Hilfe des Tempos abbilden.“ Und genau dies tat er. Murray Perahia, dessen transparent perkussiver Anschlag und sein untrüglicher Sinn für Phrasierung und Form legendär sind, führte das Publikum souverän durch noch so entlegene Modulationen und Stimmungswechsel, ohne je den großen musikalischen Bogen zu verlieren. Perahia spielte die mannigfaltigen Melodien und rhythmischen Feinheiten des großen Bonner Tonkünstlers mit seiner ganzen Gestaltungskraft aus, ließ jedoch keinen Zweifel daran, dass Beethoven in ihm den perfekten Baumeister seiner gesamtarchitektonischen Großprojekte gefunden hatte. Besonders feinfühlig wurde Perahia von den Holzbläsern begleitet, und hier hatte wiederum der Solo-Klarinettist eine musikalische Sternstunde.

Murray Perahia erschuf vor dem geistigen Auge des Münchener Publikums zwei großartige und doch ganz unterschiedliche Klanggebäude. In der klassisch komponierten Anlage des ersten Konzerts türmte er mit dem Eröffnungssatz ein schnörkelloses Mittelschiff auf. Im zweiten Satz zauberte er ein um das andere Mal liebliche musikalische Malereien in Form von sanften Rubati und wohldosierten Manierismen in die Apsis seiner gotischen Kathedrale. Im dritten Satz wurde die Führung in die Seitenschiffe verlegt, einem Rondo, in dem Beethoven seinen Einfallsreichtum von Variation zu Variation steigert und schließlich in der Coda die ihm typischen eigenwilligen Schlussakzente setzt.

Im abschließenden Dritten Klavierkonzert in c-Moll schließlich hat Beethoven seinen Stil zu voller Blüte entwickelt. Perahia erbaute einen von ausgewogener Harmonie und Klangschönheit geprägten klassizistischen Musikpalast. Verblüffend, wie feinperlig und zugleich äußerst prägnant die virtuosen Läufe aus den Frackärmeln des amerikanischen Pianisten auf die schwarz-weißen Tasten purzelten. Immer wieder ließ Perahia durch minimalistisch dosierte Akzente und klangliche Abschattierungen Mittelstimmen aufblühen und auch gleich wieder verschwinden zugunsten eines Motivs im Orchester, welches er dirigierte, als sei sein Flügel nur ein Organ im großen orchestralen Klangkörper. Beethoven hätte seine helle Freude gehabt!

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