Es besteht wohl nur ein geringer Zweifel daran, dass ein Pianist auf Weltklasseniveau, wie es der Chinese Lang Lang ist, zu polarisieren vermag. Wurde ihm zu Beginn seiner Weltkarriere vorgehalten, er würde in seiner stupenden Virtuosität zu mechanistisch agieren, so müsste man ihm heute wohl eher vorwerfen, er würde sich zu sehr in Manierismen verlieren. Der Abend im Wiener Konzerthaus bestätigte dieses Bild auf eindrückliche Weise, wobei sich Lang Lang und sein Förderer Christoph Eschenbach gegenseitig zu einer zu feinsinnigen Interpretation angeregt zu haben scheinen.

Lang Lang
Lang Lang
Das Konzert für Klavier und Orchester a-Moll, Op. 16 von Edvard Grieg aus dem Jahr 1868 gehört zweifellos zu den Zentralmassiven der Klavierkonzertliteratur. Oft wird dieses Konzert des 25-jährigen Norwegers, der sich einiges bei Robert Schumann abgehört hat, allzu schnell als reines Virtuosenstück abgetan, was ihm nicht gerecht wird. Eine andere Sicht der Dinge kann da freilich nicht schaden, doch Lang Lang, Christoph Eschenbach und das National Symphony Orchestra Washington schießen mit ihrer Lesart über dieses Ziel hinaus. Ihnen schien daran gelegen zu sein, dieses Konzert als romantische Preziose darzubieten, indem sich Solist und Orchester immer wieder darauf kaprizierten, noch mehr Feinsinnigkeit ins kleinste Detail zu bringen.

Wohin dies führt, ließ sich beispielsweise an der Einleitung und dem Hauptsatz des eröffnenden Allegro molto moderato festmachen. Die Einleitung schien unter den Händen von Lang Lang gar nicht mehr aufhören zu wollen, soviel Bedeutung gab er jedem Ton und jedem Akkord mit auf den Weg. Unter dieser Hypothek mochten sich dann auch die beiden Themen nicht so recht entwickeln. Beide litten darunter, dass Eschenbach ständig zum Retardieren neigt, sodass kein richtiger Fluss entstehen wollte. Vollends übersteigerte sich diese Haltung dann in der Kadenz des ersten Satzes. In Lang Langs Interpretation schienen die Pausen weit wichtiger zu sein als das, was zu spielen wäre. Wie in der Rhetorik gilt auch hier der Grundsatz, dass Kunstpausen ein die Spannung steigerndes Mittel sein können, aber immer sparsam einzusetzen sind, da der gesamte Vortrag sonst gekünstelt wirken muss. Doch, und dies ist lobend hervorzuheben, gerade dort, wo die ärgsten Manierismen zu befürchten waren, lieferten Solist und Orchester einen anrührenden Vortrag, nämlich im von einem Volksliedthema getragenen Adagio. Zudem ist anzumerken, dass es selten zu erleben ist, dass Pianist und Dirigent in einem solchen Konzert auf so herzerwärmende Art und Weise zusammenarbeiten wie Lang Lang und Eschenbach. Da haben sich zwei gesucht und gefunden.

Leider war auch der zweite Höhepunkt des Abends ebenso von Manierismen geprägt wie das Klavierkonzert. Arnold Schönbergs Instrumentation des Klavierquartett Nr. 1 g-Moll Op.25 von Johannes Brahms könnte die Zierde eines jeden Konzertprogramms sein, da die „fünfte Symphonie“, wie Schönberg sie einmal nannte, eine wahres Kleinod der Instrumentationskunst darstellt. Doch auch hier stand für mich Christoph Eschenbachs Neigung zu überflüssigen Ritardandi und sein Schwelgen im Lyrizismus einer ausgewogenen Interpretation im Wege – vor allem im beschließenden Rondo alla zingarese: Presto (!). Fast schon schleppend vorgetragen, mochte sich so gar keine Tanzstimmung einstellen, obwohl die Leistungen der Instrumentalsolisten hervorragend waren.

Den Lichtblick des Abends stellte wohl das Eröffnungsstück dar: Christopher Rouses Phaethon aus dem Jahr 1986 wurde tatsächlich ganz ohne die Überreiztheit des anderen Programms gestaltet. Dieser Höllenritt für Orchester inklusive Ratsche und großem Holzhammer, der an Mahlers Sechste Symphonie erinnert, hat sich einer solchen Herangehensweise auch am ehesten verwehrt. Ein besonderes Lob sei vor allem den Blechbläsern ausgesprochen, die sich ihren „höllisch“ schweren Passagen wirklich spielend entledigten.

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