Der Auftakt des Richard Strauss-Schwerpunktes des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter dem ersten Gastdirigenten Krzysztof Urbański versprach ein energiegeladenes Programm. Das Konzertdebüt Jan Lisieckis mit dem Orchester sollte einen unterhaltsamen Abend komplettieren.

Krzysztof Urbanski © Fred Jonny
Krzysztof Urbanski
© Fred Jonny

Pointiert und schwungvoll stiegen die Musiker und der Dirigent in Don Juan ein. Die impulsintensiven Einwürfe am Anfang kamen mit perlendem Klang, der den draufgängerischen Helden aus Lenaus Gedichtvorlage auch hier einführte. Im folgenden ruhigen Teil bezauberten vor allem die Bläser des Orchesters und verteilten mit bewusst warm gestaltetem Ton wohlige Stimmung im Saal. Darüber thronten die Sololinien des ersten Konzertmeisters Stefan Wagner in singender Intonation. Währenddessen bewegte sich Krzysztof Urbański immer akkurat zum Verlauf der Intensitäten. Sein tänzerischer Stil kam an diesem Abend voll zur Entfaltung: kleine Trippelschritte, wiegendes Drehen des Rumpfes oder Zucken am ganzen Körper, fast immer bespielte er mit intensivem und vor allem häufig wechselndem Ausdruck. Manchmal gab er gleichzeitig unterschiedliche Einsätze mit unterschiedlichen Körperteilen, ließ dem Orchester aber noch genug Raum, eigenständig mit breiten Strichen zu gestalten, ja fast zu malen. Dies machte die Erlebnisse auf der Gefühlsebene sehr farbenfroh, beließ den Vortrag aber im Vergleich trotzdem noch sehr kontrolliert.

Jan Lisiecki machte seinen ersten Konzertauftritt mit dem Orchester mit Robert Schumanns Klavierkonzert in a-Moll. Auch wenn dem 21-Jährigen oft ein sehr eigenständiger, gereifter Stil nachgesagt wird, so merkte man ihm an diesem Abend seine Jugend sehr wohl an. Der Wille, jede noch so kleine Nuance bewusst zu gestalten und zu formen und keinen noch so kleinen Teil des Vortrags ungenutzt verstreichen zu lassen, ist bei manchem älteren Pianisten bereits verblasst. Lisiecki wusste durch diesen Wunsch nach gestalterischer Perfektion zu begeistern. Da kam es ihm zu Pass, dass auch das Orchester von Beginn an langsam und mit Bedacht gestaltete und ihm genug Zeit gab, mit entsprechendem Körpereinsatz über das Wohl jedes Tones zu entscheiden – manchmal stützte er sich regelrecht mit dem Gewicht des gesamten Oberkörpers auf die Tasten – ein Meisterwerk der Klangformung und -gestaltung. Lisiecki gab vielen Phrasierungen so einen besonders romantischen Anstrich, während das Orchester sich darauf konzentrierte, eher im Hintergrund zu bleiben und ihm die Bühne zu bereiten.

Im zweiten Satz stimmte der Solist seine Dynamik genauer mit dem Orchester ab, nahm sich immer öfter zurück und ließ sich in den Gesamtklang fallen. Dieser wurde für mich geprägt von den schön deutlich gesetzten und leicht überblasenen Akzenten der Flöten zu Beginn des Satzes, aber auch von den fast schon explosiven Ansätzen der Blechbläser, die dadurch markant, aber dennoch kontinuierlich wirkten.

Jan Lisiecki © Mathias Bothor | Deutsche Grammophon
Jan Lisiecki
© Mathias Bothor | Deutsche Grammophon
Im dritten Satz konnte man erleben, wie die Musiker die intensive Zwiesprache zwischen Orchester und Solist richtig auskosteten. Lisiecki spielte die für den Satz charakteristischen, schnellen Klavierpassagen mit viel Druck; selbst bei Stellen im Mezzoforte legte er sich regelrecht auf die Tastatur. Auch das Orchester arbeitete dynamisch größer und legte sich mit mehr Schwere in die Melodien, um im nächsten Moment aber auch wieder leisere Punkte spitz zu zeichnen. Agierten die Musiker in weiten Teilen des Konzertes zuvor eher kontrollierend, so waren sie nun in gelöster Stimmung und spielten das Ende dieses letzten Satzes jovial aus. Als Zugabe bot Jan Lisiecki dann die wohlbekannte Träumerei aus Schumanns Kinderszenen, die das Publikum wohlwollend zur Kenntnis nahm. Zunächst. Dann aber zeigte der Pianist ein weiteres mal seine außerordentliche Fähigkeit zur Tongestaltung und arbeitete die Schönheit dieses kleinen Stückes in einem Maß heraus, das es im Saal mucksmäuschenstill werden ließ und den Zuhörern den Atem nahm.

Zurück bei Strauss stand das Publikum erwartungsfroh vor dem ikonenhaft berühmten Beginn von Also sprach Zarathustra. Nach minimalen Startschwierigkeiten der Bläser spielten die Musiker im emotionsstarken Dur-Teil des ersten Kapitelstückes mit bemerkenswert reichem und kräftigem Gesamtklang; gewaltig aber doch rund und mit hervorragender Balance. Auch die markante Melodie gegen Ende des zweiten Stückes gestalteten die Musiker ideenreich und bewusst im dynamischen Verlauf. Leider verpasste es der Dirigent, diese wichtige Sequenz etwas aktiver mitzugestalten. Im Weiteren schienen die Musiker dann zusehends mehr Spaß daran zu haben, all die kleinen Melodien und Verzierungen zu erzählen; der Konzertmeister gesellte sich fröhlich musizierend zu den Hörnern und alle gestalteten mit Umsicht und viel Musikalität fast operettenhaft.

Auch wenn das Orchester insgesamt nicht so viel Spielfreude zeigte wie bei anderen Gelegenheiten, so war es doch ein von beeindruckenden Künstlern bestimmter, erfüllender Konzertabend.