Das überwiegend weniger populäre Programm des Abonnementkonzertes des NDR Sinfonieorchesters lockte nicht ganz so viele Zuhörer in die Laeiszhalle nach Hamburg wie andere Konzerte; doch an der Qualität der Werkinterpretationen lag es allemal nicht. Die war konsequent hoch, und der Musikdirektor des Lettischen Nationalorchesters, Andris Poga, konzentrierte sich in seinem Dirigat im Besonderen auf die feinen Nuancen.

NDR Sinfonieorchester © Klaus Westermann
NDR Sinfonieorchester
© Klaus Westermann

Speziell in Tschaikowskys Fünfter Symphonie wurde das immer wiederkehrende Thema des ersten und vierten Satzes auf verschiedene Art wiedergegeben, und Poga zeigte hier großen Variationsreichtum, indem er mit Tempo, Dynamik und Artikulation spielte. So gab er demselben Thema mal ein liebliches, mal ein schroffes, wildes, imposantes, energisches oder glorreiches Gewand, beeinflusst durch weiche oder harte Abphrasierungen und einem schroffen oder zarteren Klang der Blechbläser. Mit einem flatternden Ton schufen die Trompeten einen energischen Klang im Schlusssatz, der die Bläser schon in den vorhergehenden Sätzen prägnant auftreten ließ.

Der dritte Satz war bestimmt von dynamischer Ausgeglichenheit, welche die konträren Motive in den Streichern und Bläsern vereinte. Diese entgegengesetzten Motive, so auch die unterschiedlichen Interpretationen des Hauptthemas bei Poga, schienen wie ein musikalischer Spiegel von von Tschaikowskys Selbstzweifeln, die er nach der Vollendung seiner Symphonie hegte. Während die Streicher eine lockere Walzermelodie im Wechsel mit schnellen Läufen spielten, kamen vonseiten der Holz- und Blechbläser immer wieder flatternde Einwürfe, die einerseits wie ein Störsignal fungierten, sich andererseits aber ohne Weiteres in das dynamische Gesamtkonzept eingliederten.

Der erste Teil des Abends jedoch widmete sich Werken, die weit weniger bekannt sind als als Tschaikowskys Symphonie. Ein mit Nachdruck und mit schroffem Ton in den Blechbläsern gespieltes Frühlingslied von Sibelius eröffnete das Konzert, auch wenn der Herbst soeben erst begonnen hatte. Lange romantisch ausgespielte Phrasen bestimmten dabei das Klangbild in den Streichern. Auf diese kurze Einleitung folgte eine Komposition Peteris Vasks. Der lettische Komponist wählte für sein 2008/09 komponiertes Werk die Form der Fantasie, um die Solovioline frei von Regeln mit dem Streichorchester interagieren zu lassen. Hinter dem Titel Vox amoris (dt. die Stimme der Liebe) verbirgt sich ein sphärischer Klang, dessen Grundelement eine leichte, quasi schwerelose Tremolobegleitung ist, die mittels eines scheinbar unmerklichen Crescendos kurz in den Vordergrund drängt, um dann wieder genau so diskret zu verstummen und der Solovioline somit wieder mehr Raum zur Entfaltung zu geben.

Roland Greutter, seit 1982 Erster Konzertmeister des NDR Sinfonieorchesters, trat hierbei im solistischen Part auf und überzeugte mit einem entspannten und lockeren Ton, der einen intimen Charakter innehatte - ein allzu satter und voller Ton wäre mir bei der kleinen Besetzung hier fehl am Platz erschienen. Diese Besetzung setzte sich dem Höreindruck nach nur aus einem weiteren Instrument neben der Solovioline zusammen, denn das Streichorchester schmolz zu einem großen Klangkorpus zusammen, das Greutters Spiel gleichsam mit einnehmendem Ton weich wie in Watte einbettete.

Stellenweise wilde und raue Solokadenzen, in denen Greutter stärker akzentuierte als in den sphärischen Tutti, wurden vom gleichbleibend unaufrührerischen Streichorchester abgefangen. Die große Wandelbarkeit lag eher in der Hand des Solisten: Mit drängenden Crescendo- und sich entspannenden Diminuendo-Parts, an deren Stelle ebenso mit leichtem Accelerando und Rubato gespielt wurde, verwandelte Greutter die Fantasie in eine spannende Erzählung.

In dieser sehr erfrischenden und durchdachten Interpretation haben Andris Poga und Roland Greutter mit Vasks' Vox amoris bewiesen, dass zeitgenössische Musik durchaus hörenswert ist und zudem ohne Übertreibung zum Highlight des Abends gekürt werden kann.

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