Es war eines dieser Konzerte, in denen der Genuss erdauert, erduldet werden musste: erst das Anstehen vor der Kirche in der Dezemberkälte, dann die harten Sitze im kalten, kaum heizbaren Basler Münster – aber es hat sich letztlich gelohnt! Das spätromanisch-gotische Kirchenschiff war trotz widriger Temperaturen gut gefüllt, der Weihnachtsschmuck in der Stadt sowie der Weihnachtsmarkt neben der Kirche hatte die Besucher schon eingestimmt auf das Konzert.

Basel Sinfonietta © Basel Sinfonietta
Basel Sinfonietta
© Basel Sinfonietta

In den dargebotenen Werken spielt die Orgel eine wichtige Rolle. Die Chor- und Orchesterbühne stand deshalb im rückwärtigen Teil des Kirchenschiffs, direkt unter der Orgelempore, und die Bestuhlung war entsprechend rückwärtsgewandt. Manche mögen einwenden, auch die Musik in diesem Konzert sei eher retrospektiv gewesen – Musik zu Weihnachten tendiert zu traditionellen Harmonien und eingängigen Melodien, meidet typischerweise Schwerverdauliches – aber das sagt nichts aus über deren Qualität, und/oder über den möglichen Genuss, den man im Publikum (oder als Musiker/Musikerin) damit erleben kann.

Arthur Honegger war kein Revolutionär, zumal in seiner Cantate de Noël. Dennoch beginnt deren erster Teil düster, fast bedrohlich, mit dumpfen Orgeltönen, in die allmählich das Orchester, dann der Chor auf „O“ und mit Summen einstimmt. Der darauf einsetzende Chorsatz De profundis ist polytonal-dissonant und beschreibt die Verzweiflung der Welt, die sich nach dem Erlöser sehnt. Die Verzweiflung gipfelt in einem lauten, fast chaotischen Höhepunkt, gefolgt von einer Wende ins Zuversichtliche („Freue dich, o Israel“). Mit diesem Eingang hatte der Laienchor die größte technische Hürde des Abends bereits hinter sich – und bravourös gemeistert: Sowohl Münsterkantorei wie die Mädchenkantorei Basel (Leitung: Marina Niedel) präsentierten sich mit klaren, homogenen Stimmen und guter Diktion. Die französischen Texte wurden (einige Liedzitate ausgenommen) auf Deutsch gesungen. Das erzielte Volumen war für beide Chöre erstaunlich und zeugte von der ausgezeichneten Vorbereitung durch die Dirigentin Annedore Neufeld. Diese zeigte sich nicht nur als hervorragende Chorerzieherin und –dirigentin, die es verstand, die Sänger rhythmisch, dynamisch und in der Intonation dank präziser, ausladender Gestik „auf Linie“ zu halten. Sie erwies sich auch im Umgang mit dem Orchester als sehr professionell und kompetent und es war eine Freude, ihr Wirken zu verfolgen!

Matthias Horn © http://www.matthias-horn.info
Matthias Horn
© http://www.matthias-horn.info
Begleitet von der Orgel eröffnete Matthias Horn den Mittelteil „Fürchtet euch nicht“ mit warmer, voller Stimme von der Orgel-Empore herab. Danach setzen Chöre und Orchester mit „Es ist ein Reis entsprungen“ ein und die Stimmung kippte definitiv ins Weihnachtliche: ein buntes Quodlibet aus Zeilen einer Vielzahl von bekannten Weihnachtsliedern. Man sollte allerdings die Leistung des Chors in diesem Teil nicht unterschätzen, denn im Quodlibet laufen viele Gesänge unabhängig, polyrhythmisch-parallel, und das Orchester, keineswegs colla parte, ist nur begrenzt eine Stütze. Der Schlussteil, ein Bass-Solo und Chor (Gloria und Laudate eum) ist größtenteils homophon und in Honeggers typischem Idiom gehalten: trotz dissonanter Partien ein eingängig-jubelnder, herzerwärmender Schluss.

Zwischen Kantate und Oratorium eingeschoben erklang Vers la voûte étoilée, Op.129 von Koechlin (1867 – 1950), ein impressionistisches Stück, das in seiner reichen Klangsprache an Debussy erinnert. Es beginnt aus der Stille, in schreitendem Zeitmaß, nutzt ein vielfältiges Instrumentarium, arbeitet häufig mit höchsten Flageolett-Tönen. Die Musik baut sich langsam und in einer unmerklichen Temposteigerung zu einer Klimax auf, um dann in Flageoletts und in Stille zu verklingen: das Staunen über die Schöpfung, die Unendlichkeit des Universums beim Anblick des Sternenhimmels. Hier konnte man das makellose Wirken der Basel Sinfonietta (und wiederum die kompetente Arbeit der Dirigentin) verfolgen, und auch die Akustik des Münsters machte sich in keiner Weise negativ bemerkbar.

Im Weihnachtsoratorium von Camille Saint-Saëns ist nur das Prélude, in dem die Musik nahtlos und unauffällig von der leise beginnenden Orgel (Alois Koch) auf das Orchester wechselt, rein instrumental. Es folgen Vokalnummern in wechselnder, wachsender Besetzung: zu Beginn ein Rezitativ mit Chor, in dem sich das Solistenquartett der Reihe nach vorstellt. Das ganze Oratorium gefällt durch freundliche Harmonien und eingängige Melodik – eine heitere Idylle über weite Strecken. Eine Ausnahme ist einzig der dramatische, teils ernste Chor Quare fremerunt, aber selbst der mündet in den Jubel des Gloria Patri.

Die vier Vokalsolisten präsentierten sich als homogenes Ensemble von passenden, aber nicht dominanten Solisten: vorab Tenor Florian Cramer mit seiner klaren, linearen Stimme, intonationssicher, mit hellem Timbre und unauffälligem Vibrato; die Mezzosopranistin Roswitha Müller mit warmer, tragender, ausdrucksstarker Stimme; die Sopranistin Mechthild Bach durchaus passend in Timbre und Volumen.

Eine gesangstechnische Herausforderung war vor allem das nur von Harfe und Orgel (meist mit leisen Zungenregistern) begleitete Duett von Sopran und Bass Benedictus. Es ist anspruchsvoll in Rhythmik und Intonation wie auch in den kurzen Koloraturen. Die hohen Schlussnoten des Sopransolos klangen eher gepresst, doch das war eine kurze Episode: Es blieb der Eindruck einer schönen Ensembleleistung, hin zum mit vereinten Kräften dargebotenen Schlusschor. Frohe Weihnachten!

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