Die Bühne des Mindener Stadttheater platzte an diesem Abend aus allen Nähten: Der Cellist Norbert Anger bahnte sich mit seinem Instrument mühsam den Weg durch die Streicher, so dicht saßen die Musiker für dieses russische Programm aneinander. Dem Klang tat jedoch die Sitzordnung keinen Abbruch. Tschaikowsky und Schostakowitsch entlockten dem Solisten und der Nordwestdeutsche Philharmonie unter Yves Abel vielmehr sehr intensive Klänge.

Norbert Anger © Andreas Kermann
Norbert Anger
© Andreas Kermann

Schostakowitschs Cellokonzert Nr. 1 Es-Dur (Op. 107) gilt als eines der schwierigsten Stücke für dieses Instrument, und als man Norbert Anger spielen sah, hatte man daran keinen Zweifel. Der ganze Körper arbeitete bereits im Allegretto frenetisch, die unglaubliche Energie, die er freisetzte, schüttelte den Solisten, dessen Kopf – manchmal bewusst theatralisch – hin und her gerissen wurde, ganz im neurotisch-hysterischen Rhythmus gefangen.

Sein Ton jedoch gab bereits hier eine Wärme und Kraft zu erkennen, die im Moderato vollends zur Geltung kam. Die lyrische Melancholie des Cello fand seinen Gegenpart in den einzelnen Orchesterstimmen, den Bratschen, aber auch der Celesta, wohingegen die ersten Geigen Geisterstimmen mimten. Die Cadenza spielte Norbert Anger wie in Trance, manchmal noch lyrisch, aber dann auch wieder wie von Krämpfen getrieben. Das Allegro con moto, in dem sich kleinere Unstimmigkeiten zwischen den Streichern und Bläsern abzeichneten, verlangte auch dem Solisten das Letzte ab; der Gewinner des Pariser Concours Rostropovitch war jedoch dem Werk, das für den Namensträger dieses Wettbewerbs geschrieben wurde, nicht nur gewachsen, sondern bewies durch die auswendig gespielte Interpretation seine volle Größe.

„Ah!“ – kaum senkten sich Yves Abels Arme, entglitt Norbert Anger ein Seufzer, der sowohl seiner Erleichterung, als auch den von Schostakowitsch freigesetzten Emotionen geschuldet sein mochte. „Was kann man nach so einem Stück als Zugabe spielen?“, fragte Anger den Saal, um sogleich mit der Sarabande aus der 3. Bach-Suite anzusetzen: ebenso sicher in den Intervallen wie gefühlvoll, elegant und geschmeidig zeigte sich auch hier der Solist, und sein Guarneri-Cello von 1691 jubilierte in vollem Ton.

Die Nordwestdeutsche Philharmonie lief ihrerseits mit Tschaikowskys Symphonie Nr. 5 e-Moll (Op. 64) zu Höchstform auf. Hier griff der Franko-Kanadier Yves Abel zum Taktstock (Schostakowitsch dirigierte er noch mit bloßen Händen), um den Einsätzen bei seinem sehr gefühlvollen und verzaubernden, aber dem Höreindruck nach nicht immer einfachen Dirigat mehr Präzision zu geben. Der Eleganz der tanzenden Geigen verlieh der Maestro eine dramatische Kraft, die dieser hochromantischen Komposition sehr entgegenkam. Das exzellente Fagott übernahm delikat das Thema, und der schon bei Schostakowitsch sehr überzeugende Klarinettist zeigte auch bei Tschaikowsky sein weiches, gefühlvolles Spiel.

Die Gefühle stehen zweifelsohne im Mittelpunkt des Andante cantabile, con alcuna licenza, und dank Yves Abel brachte das Orchester sie markant zum Ausdruck. Die Streicher absolvierten im Walzer des dritten Satzes (Valse. Allegro moderato) einige Hummelflüge, aber vor allem das fulminante Finale. Andante maestoso – Allego vivace blieb in intensivster Erinnerung: sehr inspiriert, kraftvoll, mit den sehr klaren und dezidierten Soloparts der Blechbläser, vor allem der Hörner: Der Maestro führte nicht zu Unrecht die Solo-Hornistin abschließend an den Bühnenrand, um ihr Spiel besonders zu würdigen.

Diese Interpretation der beiden russischen Komponisten beweist einmal mehr die Qualität der Nordwestdeutschen Philharmonie, der ihr zu Beginn dieses Jahres berufener Chefdirigent Yves Abel viele neue und interessante Impulse zu geben vermag.