Wenn einem sowohl die Violetta als auch der Alfredo wegen Krankheit kurzfristig absagen müssen, kann die Traviata durchaus zum Desaster werden, vor allem, wenn man so große Namen wie Sonya Yoncheva und Rolando Villazon ersetzen muss. Die Bayerische Staatsoper allerdings wendete die Situation genau ins Gegenteil und bot mit Ermonela Jaho eine fulminante Violetta, die das Highlight einer eher schwachen Inszenierung war.

Pavol Breslik (Alfredo) und Ermonela Jaho (Violetta) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Pavol Breslik (Alfredo) und Ermonela Jaho (Violetta)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Dieser Eindruck rührt vor allem daher, dass die Bühne der Bayerischen Staatsoper überwiegend in schwarz gehalten war und nur gelegentlich von Farbtupfern im ersten beziehungsweise zweiten Akt erhellt wurde. Die Inszenierung schien sich nicht wirklich auf die Geschehnisse in Violettas Seelenwelt einzulassen und der Zuschauer musste sich über kleinste Ereignisse freuen, beispielsweise, dass der Kronleuchter, der im zweiten Akt noch über den Sängern thronte, im dritten Akt auf dem Bühnenboden lag wie die im Sterben liegende Violetta. Wenig ergiebiger waren die Interaktionen der Sänger, die in Günter Krämers Version nicht viel Bewegung bringen konnten. So hob Simon Keenlyside als Giorgio im zweiten Akt drei Mal seinen Mantel auf, um ihn doch wieder hinzulegen, während er Violetta schonend versuchte beizubringen, dass sie sich von Alfredo trennen müsse. Kontrastierend zum nüchternen Bühnenbild zeigten sich die Kostüme, die La traviata mit einer Hommage an die Roaring Twenties in eine goldene Gatsby-Show verwandelten – besonders im champagnerhaltigen ersten Akt.

Das Positive an der schlichten Inszenierung war sicherlich die Tatsache, dass man eine pure Violetta geboten bekam, die sich nicht hinter großem Bühnenbild verstecken konnte und wirkliche Emotionen bieten musste. Und dies gelang Jaho mit unglaublicher Leichtigkeit und einer unendlichen Bandbreite an Gefühl. Da stand auf der einen Seite die zerbrechliche, kränkliche Frau, die Jaho mit sehr feinen piano-Tönen über die wahre Liebe singen ließ, und auf der anderen Seite die eigenständige, starke Persönlichkeit, die trotz ihrer Krankheit bis zum Ende kämpfen wollte. Mit vollmundigem Timbre, das kraftvoll bis in ihre Spitzentöne war, bot Jaho eine großartige Violetta, die zurecht Begeisterungsstürme des Publikums erntete.

Ermonela Jaho (Violetta) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Ermonela Jaho (Violetta)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Gesanglich ebenso ausdrucksstark war Simon Keenlyside, der mit seinem „Di Provenza il mar, il suol“ für einen Höhepunkt des Abends sorgte. Mit reinem, klarem Timbre und einem sehnsuchtsvollen Ausdruck gelang ihm die Rolle des Vaters, der das Beste für seine Kinder möchte und selbst in der Zwickmühle seiner Gefühle steckt, überzeugend. Dabei bot seine sonore tiefe Lage eine gute Basis für seinen in den Höhen geschmeidigen Bariton. Pavol Bresliks Alfredo war überwiegend nicht an der dramatischen Vorstellung Jahos orientiert, sondern der lyrische Gegenpol, der einerseits eine erfrischende Abwechslung zu der furiosen Violetta bot, im Duett mit ihr allerdings nicht immer ganz durchschlagskräftig war. Durch Bresliks jugendliches Timbre, verbunden mit dem lyrischen Ton, schien diese Interpretation zwar zu Beginn noch kontrolliert, doch Breslik entwickelte die Rolle im weiteren Verlauf weiter und schlug im Finale dann auch einen dramatischen Ton an.

Die große Dramatik der Violetta übernahm Dirigent Marco Armiliato ins Orchester und nutzte die wuchtigen Passagen der Oper gerne für volle Klänge und große Emotionen. Die vielen tänzerischen Passagen bot Armiliato schwungvoll an und verbreitete so nicht nur auf der Bühne Feierlust. Manchmal gingen jedoch in den fragilen Passagen, zum Beispiel bei den Vorspielen zu den Akten, die mit leisen Violintönen begannen, die Details im Zusammenspiel verloren. Genau gearbeitet waren andererseits die Auftritte des Chores, der mit homogenem Klang und – angepasst an das Orchester – mit kräftigem Forte den Feierszenen die richtige Stimmung verpassten.

Die Traviata an der Staatsoper bot dem Hörer die Möglichkeit, sich völlig auf die Musik zu konzentrieren und funktionierte mit einer starken Protagonistin, die pure Emotionen spielen musste: Jaho gelang eine eindrucksvolle Violetta, die über die reduzierte Inszenierung hinwegtröstete.