Sechzehntes Jahrhundert trifft Moderne, trifft Industriezeitalter: In Peter Konwitschnys Inszenierung des Fliegenden Holländers wird jeder Aufzug in eine andere Zeit versetzt und bietet teilweise schrille Kontraste, bevor sie schließlich mit krachender Feuershow endet. Die Münchner konnten dabei Matti Salminen in der Rolle des Daland zum letzten Mal auf der Opernbühne begrüßen, bevor er sich nach letzten Auftritten in Berlin zur Ruhe setzt.

Catherine Naglestad (Senta), Woonyuk Kim (Erik) & Chor © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Catherine Naglestad (Senta), Woonyuk Kim (Erik) & Chor
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Bereits im ersten Aufzug prallten die verschiedenen Epochen aufeinander: die mit Matrosenoutfits ausgestattete Besatzung Dalands einerseits und die von Francis Drake inspirierten Kostüme der „verfluchten“ Besatzung des Holländers andererseits ließen schon erahnen, dass Peter Konwitschny auf Gegensätzliches aus war. So schlug dem Zuschauer nach dem düsteren Beginn in einer einsamen Meeresbucht im zweiten Aufzug ein blendend weißes Fitnessstudio entgegen. Allerdings ging es Konwitschny nicht nur um die grelle Kontraste, sondern viel mehr nahm er den Schönheits- und Fitnesswahn unserer Gesellschaft aufs Korn, wenn er die Chorsängerinnen des Spinnerinnenchors kurzerhand vom Webtisch auf den Heimtrainer beorderte. Heute sitzen die Damen nicht mehr am Küchentisch, sondern halten sich in Form – eingeheizt von Okka von der Damerau in der Rolle der Mary, die ihre „Weiber“ vom Fahrrad auf die Waage scheuchte, um schließlich strafend den Kopf zu schütteln. Den Kreis schloss schließlich der dritte Aufzug, der, düster wie der erste, in rostigem, metallenem Containerhafen schon eine düstere Vorahnung über die kommenden Ereignisse gab.

Catherine Naglestad (Senta) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Catherine Naglestad (Senta)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Aber nicht nur die Inszenierung stach hervor, auch das Ensemble begeisterte mit seiner spürbaren Spielfreude. Catherine Naglestad war dabei eine stimmlich bewegliche Senta mit großem dramatischem Ausdruck. Diesen nutzte sie voluminös vor allem in der Höhe, am deutlichsten in ihrer Ballade über den Holländer im zweiten Aufzug. Etwas weniger breit war sie allerdings in der Mittellage aufgestellt, die in der Klangfarbe nicht ganz so variantenreich war. Dennoch harmonierte sie in den Duetten mit Wookyung Kim als Erik und Johan Reuter als Holländer, deren beider Timbres ausgesprochen gut zu Naglestads klarem Sopran passten.

Kim zeigte in seinem Erik eine breite Emotionspalette vom liebevollen Verlobten bis zum eifersüchtigen Verlassenen. Mit teils lyrischem Ausdruck, teils dramatischem Nachdruck beeindruckte Kim mit einem vollen Stimmvolumen, das ihn mit wuchtigen Spitzentönen auch über den vollen Orchesterklang trug. Ähnlich wandlungsfähig zeigte sich Reuter, dessen erster Auftritt zum wahrhaft grausigen Auftakt wurde. Mit tief ins Gesicht gezogenem Hut wurde er an Land gespült und sann in dunklem, tieftönendem Bariton über seinen Fluch nach. Erst nach und nach entwickelte er seinen warmes, eigentlich eher helles Timbre, das er lyrisch im Duett mit Senta, heroisch kernig an anderer Stelle einsetzte.

Daland war in der Interpretation von Matti Salminen der berechnende Vater, den man, obwohl er sich vom Gold des Holländers kaufen lässt, gern hatte. Das lag auch an seinem sonoren Timbre, das sehr gut mit dem Bariton Reuters zusammen klang. Den ein oder anderen rauen und expressiven Einschlag erlaubte sich der Finne für das Seebär-Image dabei allerdings auch. Trotz seines Alters wirkte Salminen immer noch frisch und in jeder Lage beweglich, wobei sein Bass besonders in den lyrischen Passagen strahlen konnte.

Johan Reuter (Holländer) und Matti Salminen (Daland) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Johan Reuter (Holländer) und Matti Salminen (Daland)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Von der Ouvertüre an beeindruckte das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Asher Fisch mit kontrastreichem Ausdruck in kantigem Klang und wild auffahrendem Blech, dann wieder mit verträumten Solopassagen in den Holzbläsern. Fisch gelang es dabei, den teilweise stürmischen Charakter der Musik mit sehr beweglichem Klang flexibel zu halten, verzichtete dabei aber auch nicht auf opulenten Momente. Dass nach Sentas dramatischem Sturz von der Klippe, der mit knallender Pyrotechnik inszeniert wurde, das Erlösungsmotiv nicht in voller Pracht aus dem Orchestergraben tönt, sondern aus der Ferne hinter der Bühne, rief einige Unmutsbekundungen des Publikums hervor. Doch der transzendente Charakter des Schlusses, der Holländer und Senta schließlich vereint, war eben ein weiterer Kontrast zu den grellen, lebenserfüllten Szenen des Fitnessstudios, der durchaus Sinn ergab.

Diese Inszenierung des Fliegenden Holländers an der Staatsoper kam mit einem Augenzwinkern und bot einen kurzweiligen Wagner auf musikalisch höchstem Niveau.