Nach der umstrittenen Vorstellung von Pelléas et Mélisande feierte am Montagabend eine andere, mit Spannung erwartete Produktion Premiere. Strauss' und Hofmannsthals lyrische Komödie Arabella stand auf dem Programm und konnte durchwegs überzeugen.

Ensemble, Chor und Statisterie © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Ensemble, Chor und Statisterie
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Arabella, die oft als zweiter Rosenkavalier gilt, ist ein schwieriges Stück in mehrerer Hinsicht. Einerseits ist das Stück musikalisch wegen seiner vermeintlichen Leichtigkeit bereits ein harter Brocken, doch auch dramaturgisch ist die verstrickte Geschichte eine Herausforderung, die nicht selten in einem seichten Operettenmilieu endet. Doch Arabella gibt mehr her als eine leichte Operette, denn das gesamte Stück strotzt nur vor Gesellschaftskritik und sozialkritischen Themen. Dem Produktionsteam rund um Andreas Dresen gelang es meisterhaft mit wenigen Mitteln ebendiese Vielschichtigkeit des Werkes darzustellen.

Das Bühnenbild von Mathias Fischer-Dieskau  ist ein grandioses Beispiel für minimalistische Ausdruckskraft und war mit seinen beeindruckenden, überkreuzten Treppen ein wahrer Blickfang. Mit geschicktem Einsatz der Drehbühne konnte trotz Einheitsbühnenbild jeder einzelne Akt seine eigene Atmosphäre aufbauen. Sabine Greunigs Kostüme waren ebenfalls elegant und genau auf die einzelnen Charaktere zugeschnitten. Besonders das elegante Kostüm Arabellas aus dem ersten Akt passte fabelhaft und unterstützte ihre kokette Art vorzüglich. Die wenigen farblichen Akzente der Kostüme wirkten umso stärker, da das Bühnenbild relativ farblos gehalten wurde. Nicht zuletzt durch ebendiesen Kontrast zwischen dem schlichten Bühnenbild und den teilweise sehr kräftigen Farben der Kostüme wurde die Wirkung noch weiter intensiviert.

Zu keinem Zeitpunkt war die Regiearbeit platt oder unüberlegt und somit entstanden mehrmals enorm komische, aber auch durchaus tragische Momente voller Melancholie, auch dank der schauspielerischen Höchstleistungen sämtlicher Solisten. Musikalisch konnte Philippe Jordan mit dem Bayerischen Staatsorchester durch feinste Klangzauberei überzeugen. Von der zarten Streicherbegleitung im Liebesduett bis zu den dekadenten Ausbrüchen im Ball-Akt (man denke bloß an den Auftritt der Fiakermilli) traf Jordan stets den richtigen Ton und es gelang ihm, dem bayerischen Orchester feinste Wiener Klänge zu entlocken. In ganz wenigen Momenten hatte man das Gefühl, dass er es mit dem Forte etwas zu gut gemeint hatte, doch diese Momente blieben vereinzelte Ausnahmen. Insgesamt zeichneten sich Jordan und das Orchester durch eine feine ausbalancierte Interpretation aus.

Anja Harteros (Arabella) und Thomas J. Mayer (Mandryka) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Anja Harteros (Arabella) und Thomas J. Mayer (Mandryka)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
In den Hauptrollen begeisterten an diesem Abend Anja Harteros, Thomas J. Mayer und Hanna-Elisabeth Müller. Müller überzeugte mit ihrem feinen und doch sehr kräftigen, leichten Sopran und einem äußerst mitreißenden Porträt dieser fast tragischen Rolle. Mayer, der seine etwas grobe Rolle ebenfalls exzellent darstellte, trumpfte mit seinem kräftigen wohlklingenden Bariton besonders im zweitem Akt auf. Anja Harteros war der dritte große Glücksfall des Abends. Ihre klare, klangschöne Stimme führte sie sicher durch alle Lagen und wirkte nie angestrengt. Mit grandioser mädchenhafter Koketterie porträtierte sie ihre Rolle unheimlich überzeugend. Ihre Arabella ist ein junges Mädchen, das weiß was es will und doch eigentlich nicht weiß, für wen sie sich entscheiden soll. Man konnte ihr einfach nicht übel nehmen, dass sie mit ihren Verehrern so sehr spielte.

In den weiteren Rollen waren unter anderem Opernveteranen wie Kurt Rydl oder Doris Soffel zu hören. Beide, wenngleich vielleicht stimmlich nicht mehr vollkommen auf dem Zenit, konnten mit ungeheurem komischen Talent und mitreißender Rollengestaltung das Publikum für sich gewinnen. Rydl als wienerischer Spieler und Soffel als hysterische Ehefrau waren komödiantisch sicherlich das führende Paar des Abends. Eir Inderhaug sang eine mühelose Fiakermilli mit leichten kristallklaren Höhen, aber leider vermisste ich ihr grandioses Finale im zweiten Akt (gekürzt?).

Die absoluten Highlights für mich waren die beiden Duette (Arabella-Zdenka & Arabella-Mandryka), die einen beinahe zu Tränen rührten. Mit den für Strauss so typischen tragenden Gesangslinien ließen die Solisten die Zeit still stehen und luden das Publikum ein in eine verträumte Welt voller Sehnsucht und Wohlbefinden.

Mit dieser Premiere zeigt die Bayerische Staatsoper München wieder einmal, das es eines der führenden Häuser weltweit ist und die besten Vertreter der einzelnen Sparten zusammenführt. An diesem Abend übertönten sich die Bravorufe gegenseitig. Bravo! Bravo! Bravo!

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