Eine Rarität der Sonderklasse eröffnete die diesjährigen Münchener Opernfestspiele. Claude Debussys Pelléas and Mélisande war in einer neuen Produktion im Prinzregententheater zu sehen. Die Oper selbst ist ein wunderbares Beispiel an atmosphärischer, impressionistischer Musik, allerdings bleiben dramatischere Ausbrüche eine Ausnahme. Debussys Musik lässt die Zeit still stehen und transportiert das Publikum in eine mystische Welt, die voller rätselhafter Symbole steckt. Um eben diese dichte Symbolik aufzuschlüsseln, ist eine schlüssige und durchdachte Inszenierung nötig. Diese vermisste man in dieser Neuproduktion allerdings sehr und erwischte sich selbst mehr als nur einmal beim Blick auf die Uhr.

Elliot Madore (Pelléas), Elena Tsallagova (Mélisande), Markus Eiche (Golaud) und Peter Lobert (Arzt) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Elliot Madore (Pelléas), Elena Tsallagova (Mélisande), Markus Eiche (Golaud) und Peter Lobert (Arzt)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Christiane Pohles Regiearbeit war schwierig zu finden und die Personenführung erinnerte an einen schlechten Psychothriller der 80er. Anstatt die Rauschwirkung der ätherischen musikalischen Untermalung zu überlassen, wurden die Protagonisten über die Bühne manövriert als wären sie auf einem Drogentrip. Die kühle, karge Ausstattung (Bühne: Maria-Alice Bahra) und die strengen 80er-Jahre-Kostüme (Sara Kittelmann) erinnerten an einen amerikanischen Krimi oder Thriller aus dieser Zeit. Zwar waren Bühnenbild und Kostüme hübsch anzusehen, doch der fleißige Operngänger hat wohl bereits eine Aversion gegen Hotellobbies als Bühnenbild. Die trostlosen Pflanzen konnten die Atmosphäre dieser Lobby ebenfalls nicht auffrischen. Die Kostüme, die eine Mischung aus Casual & Business-Style waren, wirkten ebenso oftmals sehr kühl und die Protagonisten dadurch unnahbar. Durch all diese Faktoren entstand ein enormer Kontrast zwischen dem Farbenreichtum von Debussys Musik und der fahlen Eintönigkeit der Produktion. Ein Kontrast, der nicht unbedingt positiv für die Produktion ausfiel.

Der musikalische Teil wurde jedoch von Constantinos Carydis mit dem Bayerischen Staatsorchester und dem Sängerensemble auf Festspielniveau gehalten. Voller Ausdruck konnten Carydis und das Orchester die farbenreichen Klänge der Musik auffächern und sich damit als grandiose Interpreten von Debussys Klangmalereien beweisen. Besonders beeindruckend gelang der Schluss der Oper, in dem die Streicher in hoher Lage zusammen mit Harfen und anderen Instrumenten zu verklärenden Klängen verschmolzen.

Elliot Madore (Pelléas) und Elena Tsallagova (Mélisande) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Elliot Madore (Pelléas) und Elena Tsallagova (Mélisande)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Sängerisch konnte vor allem die Sänger in den drei Hauptrollen überzeugen: Elliot Madore meisterte die für einen Bariton relativ hohe Rolle des Pelléas mit jugendlicher aber kräftiger Stimme. Vor allem im vierten Akt überzeugte er mit seinen leidenschaftlichen Liebesschwüren und seinem jugendlichen Eifer. Die verträumte Rolle des verliebten Jungen gelang ihm wunderbar und war definitiv ein Highlight des Abends. Ebenso ein Highlight war Elena Tsallagovas Mélisande, die sie glockenrein und kräftig sang. Das Timbre ihrer Stimme ist, trotz gehöriger Durchschlagskraft, äußerst zart und betört mit einem fast vibratolosen Klang. Markus Eiche hingegen überzeugte vor allem durch sein packendes Porträt des verbitterten, eifersüchtigen Golaud. Sowohl durch sein Spiel als auch mit seinen stimmlichen Möglichkeiten vermochte er die Verzweiflung und Zerrissenheit seines Charakters darzustellen.

Ein szenisches Highlight stellte der Abschluss des dritten Aktes dar, in dem Golaud seinen Sohn Yniold bedrängt, ihm über das Verhältnis zwischen Pelléas und Mélisande zu berichten. Die Szene war so eindrucksvoll und überzeugend gespielt worden, dass man am liebsten auf die Bühne gesprungen wäre, um den armen Knaben vor seinem eigenen Vater zu bewahren. Sowohl Markus Eiches als auch Hanno Eilers' schauspielerische Leistung in dieser Szene war tatsächlich angsteinflößend und verstörend, und einer der wenigen Momente, in denen man sich nicht wünschte, lieber in einer konzertanten Vorstellung zu sitzen.

Beeindruckend, trotz kleinem Auftritt, war auch die Darbietung von Peter Lobert als Arzt. Sein gewaltiger Bass mit diesem erhabenen Timbre machte einen enormen Eindruck auf mich und es war fast schade, dass er nicht mehr zu singen hatte. In den weiteren Rollen, ebenfalls auf höchstem Niveau, waren unter Anderem Okka von der Damerau als ehrwürdige Mutter, Alastair Miles als alter König Arkel und der bereits erwähnte Hanno Eilers als Golauds Sohn Yniold zu hören. Letzterer durfte sich beim Schlussapplaus über Begeisterungsstürme freuen, die aufgrund seiner ausgezeichneten Leistung durchaus verständlich waren.

Abschließend lässt sich sagen, dass die Inszenierung für meinen Geschmack zu kühl und distanziert war und sehr deutlich das „Ne me touchez pas“ aus Mélisandes ersten Zeilen auszustrahlen schien, doch musikalisch war der Abend ein wahrhaftiger Genuss.