Der Weg auf den kompositorischen Olymp des Barock ist steinig und leider mit einigen Ungerechtigkeiten gepflastert, die die Musikgeschichte schreibt. Während einige Musiker ihn fast spielend hinter sich brachten, haben andere auf ihre Anerkennung als Großmeister lange warten müssen. In die eine Gruppe gehört zweifellos Georg Friedrich Händel, so wie Georg Philipp Telemann zur zweiten Gruppe zu zählen ist. Während Händels Musik sich fast ungebrochener Aufmerksamkeit erfreute, fristeten Telemanns Schöpfungen lange ein Schattendasein. Dass es aber beide verdient haben, als barocke Großmeister gefeiert zu werden, lässt sich an einem Programm wie dem, das Ian Bostridge und das Orchestra of the Age of Enlightenment im großen Saal des Wiener Konzerthaus zu Gehör brachten, sehen.

Ian Bostridge © Sim Canetty-Clarke
Ian Bostridge
© Sim Canetty-Clarke

Zweifellos ist Ian Bostridge der richtige Advokat für Telemann und Händel. Mit seiner hochexpressiven Stimme und seinem Mut zum Experimentieren gelangen ihm mustergültige Interpretationen seines spannend ausgewählten Programms an diesem Abend. Sowohl die Arie „Dass mein Erlöser lebt, das weiss ich ganz gewiss“ aus Telemanns Kantate Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, die lange Zeit Johann Sebastian Bach zugeschrieben wurde, als auch „So stehet ein Berg Gottes“ aus dem Passionsoratorium Der Tod Jesu erwiesen sich als ideal für seine Stimme. Sein fein geführter Tenor wurde in letzterer Arie noch vom obligaten Horn, sauber gespielt von Roger Montgomery, ergänzt.

Bei Händels Werken begann Bostridge dann das Experimentieren, das wohl ganz im Sinne seines Schöpfers sein dürfte. Mit der Arie „Scherza, infida“ des Ariodante aus der gleichnamigen späten Oper Händels wagte er sich an eine transponierte Mezzosopranarie und mit der Motette Silete venti sogar an ein Werk, das ursprünglich für Sopran komponiert worden ist. Da Händel selbst mit seinen Stimmlagenzuschreibungen teils frei umgegangen ist (oder umgehen musste – man denke an die Uraufführung des Oratoriums Belshazzar, wo die eigentlich einem Mezzosopran zugedachte Rolle des Cyrus von dem Bass Thomas Reinhold gesungen wurde), so dürften sich selbst Puristen nicht an der künstlerischen Entscheidung von Bostridge stören. Dies trifft vor allen Dingen dann zu, wenn diese Entscheidungen mit einer formidablen Interpretation aufgewogen werden.

So zeichnete sich „Scherza, infida“ durch souverän geführte Bögen und ebensolche großen Intervallsprünge aus, wobei Bostridge auch seine wohltarierte Tiefe hören ließ und die Motette Silete venti gelang ihm zum wahren Höhepunkt des Abends. Dies machte bereits das erste Accompagnato klar, in welcher er mit donnernder Stimme das stürmische Treiben des Orchester unterbrach, um dann die erste Arie „Dulcis amor“ anstimmen zu können. Ausdrucksstark und alle Facetten seiner stimmlichen Kraft zeigend gelang im auch die zweite Arie „Date serta, date flores“ sowie das mit Koloraturen gespickte abschließende „Alleluja“.

Das Orchestra of the Age of Enlightenment, welches von Steven Devine vom Cembalo aus geleitet wurde, erwies sich dabei als klangschön und wohl phrasierender Partner des britischen Tenors. Schade nur, dass das Orchester mit seinen eigenen Beiträgen zum Programm nicht so sicher war wie Bostridge. Sowohl die eröffnende Ouvertüre in F-Dur, TWV 55:F3, von Telemann als auch das Concerto grosso in e-Moll, HWV 321, und die das Konzert abschließenden Auszüge aus der Suite Nr. 1 in F-Dur, HWV 348 (Wassermusik) krankten trotz wohlgemeinter Interpretation an einem zu trocken, akademischen Stil, der die Lebensfreude, die in diesen Kompositionen steckt, unterdrückte. Als ein weiteres Problem des Abends erwies sich das allzu feinsinnige Musizieren des Orchesters im großen Saal des Konzerthauses, das es schwer machte, in dem großen Raum alle Facetten der Interpretation zu hören. Dennoch war es ein mehr als zufriedenstellender Abend im Konzerthaus, der mit Bist Du bei mir von Gottfried Heinrich Stölzel, überliefert im Klavierbüchlein von Anna Magdalena Bach als Zugabe seinen klangschönen Abschluss fand.