Konsequent durchgeführte Konzerte in historischer Aufführungspraxis sind in München eher selten. Wenn nun einer der großen Meister des Fachs mit dem Orchestre des Champs-Élysées in der Münchner Philharmonie zu Gast ist, verspricht das einen Abend von höchstem musikalischen Genuss.

Isabell Faust © Molina Visuals
Isabell Faust
© Molina Visuals

Philippe Herreweghe stellte in der Konzertreihe „Klassik Pur“ ein Programm zusammen, das man auch mit „Beethoven Pur“ hätte betiteln können. Wie ungewöhnlich uns der Klang auf historischen Instrumenten erscheinen mag, merkte man an diesem Abend bereits beim Stimmen der Instrumente. Etwas tiefer als gewohnt schworen sich die Musiker auf die Coriolan-Ouvertüre ein, die Herreweghe mit markanten Akkordschlägen einleitete. Bereits hier überraschten die Franzosen mit ihrem eigenwillig erdigen Klang, der nicht zu sehr auf Schönmalerei bedacht war und daher sehr natürlich und ursprünglich wirkte. Das furiose Tempo, das Herreweghe bereits zu Beginn vorgab, hielt er eisern durch, büßte aber dabei nicht an Flexibilität ein; vielmehr wirkte die Ouvertüre federleicht bei höchster Präzision.

Auf den großen Bogen kam es Herreweghe schließlich im Violinkonzert an, dessen Einleitung er mit viel Emotion versah, während das Orchestre des Champs-Elysées dabei auf eine genau abgestimmte Dynamik bedacht war. Isabelle Faust passte sich den großen Gesten des Orchesters an und führte mit starkem Ausdruck durch ihr Spiel. Besonders im mittleren Register war ihr Ton von rauer Bestimmtheit, was exzellent zum natürlichen Ton des Orchesters passte, während sie in den Höhen einen glasklaren, träumerischen Klang, der niemals scharf oder aufdringlich wirkte, zauberte. In den wenigen virtuosen Passagen des Konzerts versprühte sie ihre expressive Spielkunst, die sie mit einwandfreier Technik grundierte.

Faust und Herreweghe gestalteten das Larghetto wie einen meditativen Ruhepunkt des Konzerts, den Faust wie eine lyrische Erzählerin begleitete. Die vielen Triller ließ sie nach Belieben anschwellen oder ganz leicht versiegen, bevor sie die nächste Phrase anstimmte. Dazu gesellten sich die Hörner mit pastoralem Klang, die die innige Stimmung des Satzes noch verstärkten. Das Rondo schließlich gab Faust tänzerisch vor und hatte sichtlich Spaß die frechen Einwürfe der Geigen weiter zu spinnen.

Das Violinkonzert deutete bereits mit seinen großen Figuren auf die Symphonie hin, dessen berühmtes Schicksalsthema Herreweghe zwingend und unerbittlich gestaltete. Die einzelnen Motive ließ er kurz im Raum stehen, um so die nachfolgenden Takte schrittweise auf den Höhepunkt zu steigern. Dem entgegengesetzt stellte er den zweiten Satz, der zwar mit eben gleicher Emotion, aber auch mit großer sanglicher Linie überzeugte. Waren die ersten drei Sätze eine verzweifelte Suche, die im vierten Satz zu einem strahlenden Ende kam, nahm der zweite Satz wohl bereits die Verbindung zum Finale auf, denn Herreweghe entwickelte den Satz mit geschmeidiger Feierlichkeit, ließ das Orchester jedoch noch nicht vollkommen zwanglos musizieren, denn einige Fragen schienen noch nicht beantwortet zu sein. Erst im Finale erlaubte Herreweghe Überschwänglichkeit, die auf originalem Instrumentarium wie barocke Festlichkeit klang. Besonders überzeugten die fanfarenartigen Soli der Hörner, die maßgeblich zum festlichen Klang beitrugen.

Das Orchestre des Champs-Élysées und Dirigent Herreweghe gaben mit ihrer authentischen Interpretation der Fünften Symphonie einen rauen Anstrich und machten ihre Interpretation dadurch nicht nur aus akademischer oder musikhistorischer Sicht interessant, sondern überzeugten vor allem durch ihre Spielfreude und großer Bandbreite an Klangfarben, die so anders klangen als gewohnt, aber dennoch so vertraut schienen.

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