Unter Konzertgängern gibt es die puren Musikgenießer und die, welche zusätzlich auf inhaltlichen Mehrwert aus sind. Auch unter den Kritikern ist dieses Abbild nicht groß anders. Mich jedenfalls erfreut programmatische Kongruenz, die geschickt Gemeinsamkeiten und Hintergründe erfahrbar macht, besonders wenn sie aus dem trockenen „Wussten Sie, dass“-Aufsatz lebendig und fantasievoll zu einem „Interessant zu wissen“ gemünzt werden.

Sir John Eliot Gardiner © Sim Canetty Clarke
Sir John Eliot Gardiner
© Sim Canetty Clarke
So ist es auch bei der November-Tournee des Orchestre Révolutionnaire et Romantique, für die Sir John Eliot Gardiner eine Mischung ausgewählt hat, die auf den ersten Blick klassisch klingen mag. Doch dahinter versteckt sich eine Linie von Verbindungen, begonnen mit der musikepochalen Auseinandersetzung mit Beethoven und dessen Übermacht bis hin zu Brahms, der als Sammler und Interpret von Schubert- und Beethovenwerken ein Klassiker in seiner Zeit war und sich darin als Quasi-Vertreter der historischen Aufführungspraxis betätigte. Heute ist es Gardiner, der als Vorreiter einer solchen Arbeit mit den unterschiedlichen, speziellen Stücken diesen großen Bogen ins Licht stellte – und in Eindhoven so berauschend, dass – egal welchem Typus man entspricht – jeder glücklich sein musste.

Dabei stießen Brahms' Serenaden gerade bei damaligen Kritikern (mit zumindest einer bekannten Ausnahme) auf nicht dermaßen große Bewunderung. Vor allem die zweite in A zeichnet sich aber durch die raffinierte Umsetzung mit fehlenden Violinen aus, an deren Stellen die Holzbläser nach Harmonie-Musik-Manier Haydns, Mozarts oder Beethovens treten. Gardiner und das ORR plädierten mit ihrer erfrischenden Art für die lohnende Verbreitung in der Klassiksphäre. Mit ihren typischen Erkennungsmitteln aus Kontrastschärfung, Dynamikleidenschaft und Phrasierungsinnovation verwandelten sie das Stück in eine „Das gehört jetzt so“-Referenz, in der die Sätze tempomäßig und spielerisch lege artis organisch ineinander strömten. Zu Beginn lieferten sich die melodieangebenden, links sitzenden Bläser von wallendem Quartett aus feiner Flöte, Oboe, Klarinette und maseriertem Fagott ein abwechslungsreiches, freundlich-lebhaftes Spiel mit den rhythmisch hüpfenden Wiener Bässen sowie rechts sitzenden Bratschen und Celli.

Während das Scherzo wippend durch das uhrwerkpräzise Umherlaufen von Bläsern und Streichern in einen ansteckenden Zirkusspaß ausartete, schaffte Gardiner es mit einer längeren Pause, die wechselnde, getrübtere Stimmung mit tiefen Streichern und warnenden Hörnern im Adagio non troppo ebenfalls höchst passend zu gestalten. Spannend und dynamisch unterstützt in den einzelnen Bläserpassagen wurde der Abschnitt immer aufwühlender erzählt. Nach dem Übergang des vierten Satzes, geprägt von plastischen Schwankungen ins ungewisse Zurück des Vorherigen oder das Ziehen zum fragenlöslichen Finale, beendete Gardiner den Brahms-Marsch unter den Flügeln dennoch weich beseelter Instrumentenexemplare in der österreichisch-französischen Jagd wieder völlig entfesselt. Darin verwirbelte das Orchester unter keck-rasenden Waldhörnern, galoppierenden Streichern und gespitzter Piccoloflöte die schneidigen, munteren Winde der Vergangenheit, die zugleich in die Zukunft wehen sollten.

Kristian Bezuidenhout © Marco Borggreve
Kristian Bezuidenhout
© Marco Borggreve
Beethovens Viertes Klavierkonzert steht, wie die Serenaden im Schatten der Symphonien, in Schatten der großen Vor- und Nachläufer des Komponisten und wurde von Brahms nach eigenem Solokonzert-Debüt in Wien bevorzugt. Schon bei der neuartigen Eröffnung des Pianofortes war klar, dass Kristian Bezuidenhout und das ORR unter Gardiner eine perfekte Symbiose bildeten. Gab das Hammerklavier leise und weich das Thema vor, übernahm das Orchester bestechend musikalisch den struktuell-melodischen Zeichenstab und transportierte ihn leidenschaftlich mit voller Kraft. In Details clever durchdacht (obwohl es zugunsten der Balance auch weniger Streicherpulte hätten sein können) und in Intensität und Lebendigkeit gemein sprachen alle eine Sprache, die, durch den direkten Saal zusätzlich verstärkt, unmittelbar auf den Zuhörer übersetzt wurde. Wie das ORR in seiner kompakten, ansprechenden Frische entlockte Bezuidenhout seinem natürlichen, drahtigen Holz des Pianofortes im ersten Satz mit leichten, eleganten, drappiert-fließenden Läufen oder emotional-nötiger Kantigkeit alle klanglichen Facetten. Ganz im Zeichen der speziellen, historisch-modernen Vitalität hörte man die gewählte Kadenz des Solisten einfach neu, fast rockig, intensiv und fesselnd.

Der kurze zweite Satz lag unter der Lupe des maximalen Kontrastes, wobei das Orchester diesen mit dem straff-lauten Akkordthema färbte, das Hammerklavier dagegen die Spannung mit schmeichelhaften Antworten im Piano und Pianissimo belegte. Knackig, ausstaffiert mit Pauken und Trompeten, dabei in sich geschwungen führten Gardiner in zupackender Weise und Bezuidenhout königlich, stürmisch und mühelos zirkelnd das Rondo in triumphale Genusshöhen. Danach konnten die Zuhörer ihrem Enthusiasmus und Bewunderungsgefühl nur in sofortigen stehenden Ovationen freien Lauf lassen.

Glaubte ich, es ging nicht noch lebendiger und befreiter, machten das ORR (nun stehend) und Gardiner Schuberts (von Beethoven unabhängige) Fünfte Symphonie, die Brahms erstmals als Gesamtpartitur veröffentlichen ließ und die sowohl ohne langsame Einleitung als auch ohne Trompeten, Pauken und Klarinetten auskommt, trotz ihrer Wiederholungsstrenge zu einem einnehmenden Erlebnis. Im Allegro energiegeladene, akzentreiche Streicher und luftig sprühende Bläser, im Andante con moto zuerst durch heimatliche Lande wandelnde, apart-warme Hörner und Streicher sowie dann die Glückseligkeit infrage stellende Flöte und Oboe zeichneten ein Bild empfindsamer Natürlichkeit. Nachdem das Menuett würzig, im Trio besonnen geriet, entließen die Musiker ihr Publikum verjüngt und aufgetankt in die Nacht, in einem Waschtrommel-Finale geschleudert und gereinigt mit überbordender Lebendigkeit des gesamten Ensembles.

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