Man könnte sagen, dieser Abend im Wiener Konzerthaus hatte alles, was er haben kann: Tragik und Komik in Tondichtungen, Doppelsterne und Klangcluster in einer Uraufführung und nicht zuletzt Jazz und Volksmusik in brüderlicher Zweiheit vereint. Will man mehr...?

ORF Radio-Symphonieorchester Wien © Thomas Ramstorfer
ORF Radio-Symphonieorchester Wien
© Thomas Ramstorfer

Im Zentrum des Konzerts des ORF Radio-Symphonieorchester Wien (kurz: RSO) stand die Uraufführung des Abends. Im gemeinsamen Auftrag des Orchesters und des Konzerthauses unter Förderung durch die Ernst von Siemens Musikstiftung war im Jahr 2015 das Stück Über das farbige Licht der Doppelsterne... entstanden. Sein Komponist, der 31 Jahre alte Solo-Cellist des Philharmonischen Orchesters Regensburg Tomasz Skweres, hat dieses Werk mit allem ausgestattet, was eine zeitgenössische Komposition bieten kann und erreicht dabei etwas, was man astrophysikalischen Impressionismus nennen könnte. Die etwa eine Viertelstunde dauernde Komposition mit der räumlichen Wahrnehmung des Klangs. Da schwingt schon der Satz des Gurnemanz aus Wagners Parsifal mit, denn auch hier wird zum Raum die Zeit, oder besser: die Raumkunst zur Zeitkunst.

Der Clou dieses Werkes ist mit Sicherheit der Einsatz eines kleinen Fernorchesters, welches aus drei Oboen und vier Trompeten besteht und gewissermaßen den zweiten Doppelstern zum ersten des Orchesters bildet. Das große Orchester beginnt dabei den Reigen mit einer Klangmassenkomposition, in der vor allem Streicherwogen das akustische Erleben prägen. Sie ergänzt Skweres mit allen Mitteln (vielleicht sogar schon zu viel des Guten), die einem zeitgenössischen Komposition zur Verfügung stehen: Klangflächen, dissonante Bläsersalven und zu guter Letzt allerlei Klangeffekte der Blasinstrumente. Atmosphärisch wurde es im wahrsten Sinne des Wortes durch das Hinzutreten des Fernorchesters, als beide Klangkörper einander beeinflussten, wie dies auch zwei Doppelsterne tun. Bei all dieser instrumentalen Wucht und kompositorischen Masse allerdings lief das Stück Gefahr, den Hörer zu erschlagen, und so viel auch die Publikumsreaktion auf diese Uraufführung aus.

Den anderen Höhepunkt des Abends bildete Friedrich Guldas Konzert für Violoncello und Blasorchester. Man tut diesem Konzert nicht unrecht, wenn man es als steil bezeichnet. Gulda verbindet in ihm eine Vielzahl von Stilen und Traditionen: Jazz und Volksmusik, Kunstmusik und Pop. Er tut das in einer ungenierten Manier, die niemals peinlich oder aufgesetzt wirkt; ernsthaftes Musizieren macht hier erst den Klamauk des Konzertes möglich. Leider stand die Aufführung, was die Technik anbelangte, unter keinem guten Stern. Der Verstärker, der das Cello über die Klangmassen des Blasorchesters hervorheben sollte, schien im ersten Satz nicht funktionieren zu wollen, weshalb vieles Feines untergehen musste.

Nicolas Altstaedt © Marco Borggreve
Nicolas Altstaedt
© Marco Borggreve
Nicolas Altstaedt zeigte dennoch unbeeindruckt virtuose Beherrschung seines Instruments, Lust am Cross-over und ein Stück Wahnsinn. Dies machte vor allem der dritte Satz, die gefürchtete Cadenza deutlich, der den gesamten Klamauk aufwiegt, den dieses Konzert mit sich bringt. Höchste Beherrschung der Waffe Cello ist hier wichtig, wenn es gilt, um mit Goethe zu sprechen, im Bretterhaus, den ganzen Kreis der Schöpfung auszuspielen. Diese Tendenz bewies Altstaedt auch im Finale alla Marcia, wenn er den zünftigen Marsch des Orchesters mit virtuosen Umspielungen kontrapunktierte (und dabei feinsinnig blieb) und darauf eine jazzige Kantilene anstimmte, die mit wenig Vibrato auskam. Das Orchester eiferte diesem Ideal nach und zeigt Ernst und Ausgelassenheit in sauberer Intonation mit einem leichten Hang zum Etwas-zu-viel.

Den Gewohnheiten entgegen verlangt auch Altstaedts Zugabe einer kurzen Besprechung. Statt Bach'scher Cellosuite gab es zum 100. Geburtstag von Henri Dutilleux, dessen Trois strophes sur le nom de Paul Sacher für Cello solo. Hier zeigt der Cellist vor allem sein farbenprächtiges Spiel und sein Einfühlungsvermögen in die Musik Dutilleuxs.

Den Rahmen um die beiden Modernen des Abends bildeten zwei Tondichtungen von Richard Strauss. Leider ging es bei Macbeth (Op.23) mit etwas mit Cornelius Meister durch. Er setzte ein sehr gewagtes Tempo an, so dass Macbeth zu seinem Ende rennen musste. Für die Macbeth ausmalenden Passagen der Tondichtung mochte dies passen, aber Lady Macbeth konnte bei diesem Tempo nicht wirklich charakterisiert werden. Auch hier wäre etwas weniger mehr gewesen. Anders hingegen Till Eulenspiegels lustige Streiche, die besonders den Instrumentalsolisten des RSO Gelegenheit bot zu zeigen, was in ihnen steckt.

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