Es ist eine Frage der Grundausrichtung: Stehen die Wiener Philharmoniker für das „klassische“ Repertoire am besten in Wien ein, so steht das ORF Radio-Symphonieorchester Wien für die Werte der klassischen Moderne. Für dieses Repertoire ist das Wiener Spitzenorchester einfach prädestiniert und dies selbst, wenn ihr 2018 scheidender Chefdirigent Cornelius Meister nicht am Pult steht. Eine wiederholte Demonstration dieses Könnens gab der Konzertabend am vergangenen Donnerstag unter der Leitung von Andrey Boreyko.

Andrey Boreyko © Richard de Stoutz
Andrey Boreyko
© Richard de Stoutz

Schreker, Prokofjew, Mahler und Schostakowitsch schmückten das Programm und es wurde auch wirklich schmuck musiziert. Mit dem Lyrischen allerdings schien Boreyko es an diesem Abend nicht zu haben; dies zeigte sich sowohl bei Franz Schreker Nachtstück aus der Oper Der ferne Klang als auch bei Gustav Mahler Blumine, jenem ursprünglichen zweiten Satz der Ersten Symphonie, die damals noch Titan geheißen hat. Beide Stücke wollten nicht so recht in den gewünschten Fluss kommen, was daran lag, dass Boreyko dazu neigte, die Phrasen immer wieder abzuwinken und so Pausen zu Kunstpausen werden zu lassen. Die weintrunkenen Akkordaufballungen bei Schreker gelangen dadurch etwas zum stehenden Genuss und das galt auch für Mahler. Lob jedoch hat der Solo-Trompeter im Blumine-Satz für sein lyrisch-berührendes Spiel und für eine klangfarbenreiche Interpretation verdient.

Viel überzeugender fiel hingegen der russische Teil des Programms aus. Hier beeindruckte vor allem der Solist des Abends, ein Herr von Nonchalance, Sergej Krylov, im wehenden Hemd mit lyrischem als auch virtuosem Spiel. Schön war vor allem die Arbeit mit einer großen Palette an Klangfarben, die er dem Konzert angedeihen ließ. Zur Tour de Force gestaltete er das Scherzo, indem er die Anweisung Vivacissimo wirklich so ernst nahm, wie Boreyko dies vorgab. Einzig die hervorragenden gespielten Zugaben, je zwei Capriccios von Paganini, wollten zur vorherigen Leistung nicht wirklich passen, aber was ein Virtuose im Kopf hat, das spielt er auch gerne als Zugabe. Chapeau!

Den Höhepunkt erreichte das Konzert aber ohne jeglichen Zweifel mit Dmitrij Schostakowitschs Symphonie Nr. 1 in f-Moll, Op.10, die der gerade erst 19-jähirge Komponist als Abschlussarbeit für seine Ausbildung komponiert hatte. Leonard Bernsteins scherzhafter Ausruf bei einer Orchesterakademie – „Darf man so eine Symphonie beginnen?“ – ist vollauf zuzustimmen, ist es doch ein sehr ungewöhnlicher Beginn, der sich erst allmählich aus solistischen Einwürfen entwickelt. Verschmitzt, mit jugendlichem Elan wurde vom RSO aufgespielt und aus der Partitur des noch Symphonikers in Nachfolge Mahlers ein wahres Abenteuer gemacht, bei dem man vergaß, dass er auch eine fünfte oder siebente Symphonie geschrieben hat, die im Konzertsaal ungleich beliebter sind. Bei dieser Gelegenheit sei allen Instrumentalsolisten des Abends ein Lob ausgesprochen, bei dem die Schlagwerk-Sektion nicht vergessen werden darf, die vielleicht die beste in ganz Wien ist.

Die genannten Eigenschaften spielt das Orchester in vollen Zügen aus. Zu den weiteren großen Momenten ihrer Darbietung gehörte der zweite Satz: das Scherzo, in dem besonders die Exaktheit, mit der musiziert wurde, und die feine Farbgebung hervorzuheben sind. Auch das akzentuierte Spiel des obligaten Klaviers ist lobenswert, genauso wie der feine Klagegesang des Lento, in dem die heiß-kalte Melodieführung Schostakowitschs von den Musikern idealtypisch umgesetzt wurde.

Nach einem solchen Abend kann man dem RSO für die Zukunft nach 2018 nur wünschen, wieder einen hervorragenden Chefdirigenten zu bekommen, der sich dem, was das Orchester so sehr prägt, ebenso widmet wie sein Vorgänger: dem Zugang zur Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, den dieser Konzertabend in so vielen Facetten geboten hat.

****1