Begleitet vom Tonhalle-Orchester unter seinem Chefdirigenten Lionel Bringuier stellte die Orpheum oStiftung diese Woche zwei ihrer Schützlinge vor, beide 25 Jahre jung. Den Anfang machte die deutsch-italienische Pianistin Sophie Pacini mit dem Vierten Klavierkonzert von Beethoven.

Sie gestaltete das einleitende Solo betont vorsichtig, zurückhaltend, zögernd, verhalten. Bringuier nahm die Orchestereinleitung flüssiger, später im Tempo noch anziehend, Fahrt aufnehmend. Das war kein Bruch oder Gegensatz, sondern bewusstes, stimmig-dramatisches Konzept. Im ersten Satz erlebte ich vor allem zwei Facetten in Sophie Pacinis Darbietung: Themeneinsätze, wie den Beginn des ersten „richtigen“ Solos mit seinen Tritonusschritten, gestaltete sie sorgfältig in Artikulation, Phrasierung und Dynamik. Die zahlreichen Läufe und raschen Figuren hingegen nahm sie sehr flüssig, mit Elan, mehr auf glattes, virtuoses Spiel und Bögen achtend denn auf Feingliedriges. Es gab auch im zweiten Thema durchaus aufblitzende Details, daneben einige etwas willkürliche Tempoänderungen. Oftmals erschienen Läufe eher summarisch, gelegentlich mit einer Tendenz zu viel Pedal. Dieses Bild bestätigte sich auch in der großen von Beethovens zwei Kadenzen.

Sophie Pacini, Lionel Bringuier und das Tonhalle-Orchester © Thomas Entzeroth
Sophie Pacini, Lionel Bringuier und das Tonhalle-Orchester
© Thomas Entzeroth

Das Andante con moto ist charakterisiert durch den Gegensatz zwischen den schroffen Einwürfen des Orchesters und den flehenden, sehnsüchtigen Passagen des Solos. Pacini vergrößerte den Gegensatz noch durch eine bewusst jugendliche Agogik, bei der sie in einigen Motiven eher momentan beschleunigte statt durch Verzögern Spannung aufzubauen. Ein ungewöhnlicher, origineller Ansatz, mit durchaus subtiler Dynamik. Im Rondo wiederholte sich das Bild aus dem ersten Satz: auch hier fiel mir der etwas (zu) großzügige Pedaleinsatz auf, und das oftmals summarische Spiel in raschen Figuren und in der Kadenz. In Spannungsbögen legte die Pianistin im Zeitmaß oft deutlich zu, um dann kurz vor der nächsten Phrase wieder zu verlangsamen. Sophie Pacinis pianistische Fähigkeiten sind sehr beachtlich; aus meiner Sicht ist dieses Werk jedoch nicht geeignet, geschliffene Virtuosität zur Schau zu stellen. Aber die Solistin steht ja erst am Beginn ihrer Karriere, hat also noch viel Luft für weitere Entwicklungen.

Mit der Pause erfolgte ein Wechsel vom Konzertflügel zur Violine, von der Wiener Klassik in die Spätromantik des kühlen Nordens: der russisch-belgische Geiger Marc Bouchkov präsentierte das Violinkonzert von Jean Sibelius. Er spielte auf einem Instrument von Jean-Baptiste Vuillaume von 1865. Bouchkov überzeugte nicht nur durch sein selbstsicheres Auftreten und seine Musikalität, sondern auch und vor allem durch den Klang, den er mit seinem Instrument erzeugen kann. Von Beginn weg gefiel mir sein weicher, seidener Ton, bar jeglicher Schärfe, vor allem aber das volle Volumen in der Tiefe. Natürlich hat Sibelius sein Werk sehr umsichtig instrumentiert, um sicherzustellen, dass das Solo-Instrument nicht zugedeckt wird. Dennoch war die Wärme und Größe des Klangs umwerfend.

Der Geiger spielte mit weicher Artikulation, expressiv in Dynamik und Agogik. Expressiv war auch sein Vibrato: harmonisch, nicht nervös. Bouchkov verstand es, versteckte, gebrochene Nebenstimmen hervorzuheben, spielte dabei nie für sich allein, sondern lebte im Einklang mit dem Orchester, was vor allem in den Dialog/Duett-Partien mit Viola und Cello zum Ausdruck kam. Nicht Eleganz oder technische Brillanz standen im Vordergrund, sondern Expressivität und Musikalität. Bouchkov setzte bedächtig, bewusst an, nichts war oberflächlich. Mir fiel im ersten Satz einzig die gelegentlich etwas knappe Intonation, vor allem in der Höhe, auf – im späteren Verlauf verlor sich dieser Makel allerdings.

Marc Bouchkov © Thomas Entzeroth
Marc Bouchkov
© Thomas Entzeroth

Bringuier und das Tonhalle-Orchester begleiteten einfühlsam, umsichtig, ausgezeichnet; hier konnten sie den vollen Ensembleklang ausspielen, ohne dabei das Soloinstrument in Bedrängnis zu bringen. Das setzte sich im Adagio di molto fort, wo die sorgfältige Dynamik und Klangdisposition im Orchester auffiel. Noch mehr aber berückte Bouchkovs runde, harmonische Tongebung, die ausgezeichnete Gestaltung von Phrasen und großen Bögen: für mich klar der Höhepunkt des Abends – nicht zuletzt auch durch die überirdische Schönheit der Komposition.

Das abschließende Allegro ist einer der rhythmisch vertracktesten der Konzertliteratur für Violine. Im Orchester dominiert über weite Strecken ein gleichförmiges, daktylisches Ostinato, während das Solo mit Läufen und Figuren in wechselnden, zwar kleinräumig regelmäßig, aber metrisch scheinbar unabhängig vom Ostinato dagegenhalten muss. Selbst bei berühmten Künstlern befriedigt dieser Satz nicht immer. Bouchkov meisterte ihn erstaunlich sicher, wobei er Unsicherheiten um Zweifelsfalle durch kurzfristiges Beschleunigen begegnete (lieber zu früh als zu spät!). Mich störte an diesem Satz einzig, dass das Pauken-Ostinato anfänglich zu laut war und das Spiccato der Streicher übertönte.

Das Konzert schloss mit Till Eulenspiegels lustige Streiche von Richard Strauss. Lionel Bringuier interpretierte dieses Werk impulsiv, harmonisch, mit fließenden Übergängen, ausdrucksstark, gefühlswarm. Allerdings fehlte es mir an einigen Stellen etwas an Strauss' bayerischer Gemütlichkeit, und auch der Humor hätte noch stärker zum Ausdruck kommen können. Bringuiers Ansatz ist musikantisch, er setzt auf Spielfreude. Dabei gerät ihm im dramatischen Teil einiges eher zu rasch, bis zu dem Punkt, an dem Klarheit und Präzision zu leiden beginnen.

Über alles war es trotz kleiner, jugendlicher Unvollkommenheiten ein bereichernder Abend, wofür der Orpheum Stiftung Dank und Respekt gebührt.