Baden-Baden ist nicht nur mit dem Programm des Festspielhauses verwöhnt, sondern auch mit den geographischen Gegebenheiten und den damit verbundenen klimatischen Vorteilen. Blumen und Bäume blühen schon deutlich früher als in vielen anderen Teilen der Nation und so sind bereits jetzt die Parks mit einem Farbenmeer geschmückt. Dieses Blühen, Wachsen und die bunten Farben konnte man in Auszügen von Antonín DvořákSlawischen Tänzen, Op.72 und seinem Violinkonzert in a-Moll, Op.53 wahrlich spüren.

Von großer Spielfreude und Tempovariabilität waren die drei Slawischen Tänze geprägt, mit belebtem Pizzicato der Kontrabässe und tänzerischen Holzbläsern im fröhlichen ersten Tanz. Das Poco adagio, der fünfte Tanz, war ein Bad der Gefühle als melancholische Streicher und klagendende Klarinetten auf akzentuierte, stolze Rhythmik trafen. In den breit vorgetragenen Streicherstellen spürte man förmlich den Schmerz, bis Sir Simon Rattle endlich die erlösenden Marschrhythmen im Blech und Schlagwerg zuließ. In strahlendem C-Dur erklang schwungvoll der siebte Satz, der durch eine starke Forcierung der Akzente besonders fröhlich und volkstümlich wirkte.

Lisa Batiashvili © Anja Frers | Deutsche Grammophon
Lisa Batiashvili
© Anja Frers | Deutsche Grammophon
Im folgenden Violinkonzert begeisterte Lisa Batiashvili mit Klarheit und technischer Präzision und Rattle übertrug Gefühl und Ausdruck des Violinparts auf die Berliner Philharmoniker. Zudem hielt er das Orchester überwiegend sehr leise und eröffnete Batiashvili großen dynamischen Spielraum, welchen die Solistin auch wirkungsvoll ausnutze. Die Hinführung zur Reprise im Allegro ma non troppo wurde temperamentvoll, mit viel Kraft gestaltet und wurde unterstützt durch entschlossene Hörner, unter denen Carsten Duffin, der neue Hornist der Philharmoniker, im Violinkonzert immer wieder mit traumhaft raumfüllenden Klängen überzeugte. Der zweite Satz, der sich attacca an den erstem anschließt, war berückend von einem sentimentalen Timbre gekennzeichnet; dann verwandelte sich das Gefühl der leichten Melancholie nach sanften Einwürfen einzelner Musiker und einer intensiven Tuttistelle in Zufriedenheit. Lisa Batiashvili glänzte in diesem lyrischen Teil mit Wärme, Klarheit und gefühlt nie endend wollenden Phrasen. Das Allegro giocoso, ma non troppo im Generellen und den darin enthaltenen, phantastischen Zigeunertanz im Besonderen spielte sie stolz mit vollem und manchmal unnachgiebig energischem Ton.

Béla Bartók stellte das Konzert für Orchester, Sz116 zwei Jahre vor seinem Tod als eines seiner letzten Werke im Jahr 1943 fertig. Er befand sich zu dieser Zeit im Exil in den USA und wenngleich die Entstehung des Konzertes in einem Kompositionsauftrag gründet, scheint es zugleich ein Werk der Sehnsucht und Erinnerung. Dieser Charakter kommt durch die Vielzahl der ungarischer Volksmusiken und Volkstänze deutlich zu Ausdruck, welche Bartók über Jahre studiert und gesammelt hat. Rattle arbeitete den besonderen Klang der Extreme sowie die rhythmische Komplexität des Werkes auf unvergleichliche Weise heraus und verlieh ihm enorme Transparenz.

Sir Simon Rattle © Sebastian Hänel
Sir Simon Rattle
© Sebastian Hänel
Schon der Beginn im ersten Satz beeindruckte mit prägnanten Klangfarben. Celli und Kontrabässe schufen eine drückende und beängstigende Stimmung mit dem für dieses Stück so wichtigem Quartintervall. Als zweites Element kamen zu Beginn äußerst leise, mystisch klingende, ja fast gespenstische Geigen hinzu, dann mischte Mathieu Dufour mit beschwörender Flöte die dritte charakteristischen Farbe bei. Das Ergebnis war enorm packend und zog den Hörer tief in die Welt des Konzertes hinein. Das zweite Thema des Allegro vivace wurde von dem vermutlich weltbesten Holzbläserensemble ausdrucksstark und traumhaft phrasiert vorgestellt. Die Brillanz des analytischen Ansatzes des Maestros kam besonders gut in der Durchführung des ersten Themas zur Geltung, wo Fragmente dieses Themas transparent und prägnant präsentiert wurden und einen ausgeprägten räumlichen Klang formten.

Es schien an diesem Abend, als hätte Bartók das Konzert für Orchester eigens für die Berliner Philharmoniker komponiert. In Presentando le coppie, dem zweiten Satz des Konzertes, hört man beispielsweise immer den gleichen Tanz, jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven und mit verschiedenen musikalischen Wirkungen, herausragend mit großer Musikalität intoniert. Hierbei sind die tänzerischen Fagotte und etwas schnippischen Oboen besonders hervorzuheben, ebenso der wunderbar füllende, strahlende, bewegende Klang des Blechbläser-Chorals in der Mitte des Satzes.

Neben dem kaum merklichen Übergang im vierten Satz zum Maxim-Lied aus Die lustige Witwe von Franz Lehár stellt das Presto des fünften Satzes einen absoluten Kraftakt dar. Präzision und Konzentration der Philharmoniker aber ließen auch zum Konzertende nicht nach – im Gegenteil. Das Orchester schien nun noch genauer und klarer zu agieren und ließ die Musik mit stringender Agogik und nuancierter Dynamik in einem wahren Klangrausch gipfeln. Dieses Konzert war eine musikalische Sternstunde und wird dem Hörer als solche noch lange im Gedächtnis bleiben.