Hochkarätiger hätte das Programm des großen Chorkonzerts der Salzburger Festspiele wahrscheinlich kaum besetzt werden können. Neben der Sächsischen Staatskapelle Dresden als Orchestra in Residence unter der Leitung von Myung-Whun Chung wirkten Anna Prohaska, Adrian Eröd sowie der Chor des Bayerischen Rundfunks in Faurés Requiem mit. Für die anschließende Orgelsymphonie von Saint-Saens mit ihrem mitreißenden Finale hatte man noch Orgel-Superstar Cameron Carpenter eingeladen – Luxus anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Osterfestspiele.

Myung-Whun Chung © Matthias Creutziger | Osterfestspiele Salzburg
Myung-Whun Chung
© Matthias Creutziger | Osterfestspiele Salzburg

Trotz der vielen großen Namen hinterließ an diesem Abend sicherlich der Chor des Bayerischen Rundfunks den nachhaltigsten Eindruck. Er gehört unstrittig zu den besten Vokalensembles in Deutschland und ließ auch im Requiem von Gabriel Fauré keinen Zweifel an seiner Qualität. Mit ungeheurer Homogenität und intensiver Innigkeit, die die Sänger bis ins feinste Piano beibehalten konnten, wurde der Chor dem fließenden, kaum extrovertierten Charakter der spätromantischen Totenmesse gerecht. Anders als die Requiem-Vertonungen des 19. Jahrhunderts, die immer stärker auf große Effekte setzten – man denke nur an Verdis Dies irae – wirkt Faurés Requiem damals wie heute fast schon meditativ. Dazu trug bei, dass Chung auch ein sehr getragenes Tempo wählte, das im Agnus Dei zur dramatischen Entwicklung bis zum expressiven Höhepunkt des tiefen Blechs durchaus Sinn ergab und der Musik zusätzliche Bedeutung und Schwere verlieh, im Introitus allerdings etwas zu schleppend wirkte.

Wirklich meisterlich war die Detailgenauigkeit, mit der Chung die Dresdener eingestellt hatte: Obwohl in großer Orchesterfassung interpretiert, hätte man die ersten Violinen im Sanctus wirklich für eine Solovioline halten können, ganz so, wie sie in der Originalversion vorgesehen war. Anna Prohaska überzeugte im anschließenden Pie Jesu mit angenehm uneitlem, klarem Ton, der kaum mit Vibrato versehen dem ehrlichen und introvertierten Charakter des Werks entsprach. Adrian Eröds samtiger Bariton verfügte über einen schönen Kern, der mit dunkler Farbigkeit einige neue Akzente zu den Chor- und Orchesterfarben setzte.

Eine vollkommen andere Klangwelt bot schließlich Saint-Saens Dritte Symphonie, die „Orgelsymphonie“, die sich wie Beethovens Fünfte von dunklem c-Moll zu glanzvollem C-Dur aufschwingt. Im Gegensatz zum Fauré wirkte die Dresdener Staatskapelle in der Symphonie etwas freier und gelöster, da Chung hier verstärkt auf energetische Tempi und stringente Themenentwicklung setzte. Spannungsreich und expressiv führten die Streicher einserseits zum Beispiel die Achtelbewegungen ein und verloren nicht an Spannung. Andererseits nahm Chung sich auch Zeit, um den Orchesterklang, etwa im Adagio, räumlich zu gestalten; dabei genügten ihm wenige, manchmal ruckartige Bewegungen. Gemeinsam mit Cameron Carpenter, der sich mit der klanglich unspektakulären Orgel des Festspielhauses abfinden musste, verlieh er dem Gesamtklang eine mystisch anmutende Gestalt, die einmal mehr den kirchlichen Charakter der Symphonie unterstrich, der auch von Saint-Saens durchaus intendiert war.

Myung-Whun Chung, Cameron Carpenter & Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger | Osterfestspiele Salzburg
Myung-Whun Chung, Cameron Carpenter & Staatskapelle Dresden
© Matthias Creutziger | Osterfestspiele Salzburg

Das majestätische Finale schließlich ertönte groß und kraftvoll; allerdings war es kein reines Muskelspiel. Chung balancierte den Klang zwischen Orgel, Blech und den Streichern sehr gut aus, sodass der Klang der Staatskapelle nicht überladen wirkte, dennoch mit fesselnder Erhabenheit begeisterte. Dank akzentuierten Spiels in den Streichern erhielt das Finale eine ungemeine Energie, das in Verbindung mit den fülligen Orgelakkorden großen Eindruck hinterließ.

Mit Faurés ruhigem, innigem Requiem einerseits und dem effektvollen, bombastischen Finale der Orgelsymphonie andererseits waren es durchaus zwei Gegensätze, die bei diesem Programm aufeinanderprallten. Dennoch wirkte das Programm stimming, da Myung-Whun Chung den Kern der jeweiligen musikalischen Aussage traf und den daraus resultierenden Enthusiasmus auf seine Musiker übertrug.