Zum letzten Konzert der Osterfestspiele Baden-Baden gaben sich zwei Grandseigneurs der Klassikwelt die Ehre und bereicherten die Festspiele mit Jahrzehnte an Musikerfahrung: der 80-jährige Zubin Mehta dirigierte die Berliner Philharmoniker zum ersten Mal vor bereits 56 Jahren; Pinchas Zukerman spielte Edward Elgars Violinkonzert in h-Moll, Op.61 schon vor über 40 Jahren auf Platte ein. Die Festspielgäste hörten jedoch alles andere als ein verstaubtes Konzert, sondern konnten vielmehr einen erfrischenden Elgar und eine packende Symphonie Nr. 5 in e-Moll von Tschaikowsky genießen.

Pinchas Zukerman © Cheryl Mazak
Pinchas Zukerman
© Cheryl Mazak

Zukerman und Mehta zeigten sich auch auf der Bühne als zwei seit Jahren befreundete Männer, die gemeinsam musizieren wollten und während des Konzertes sichtlich ihren Spaß hatten. So trieb Mehta beispielsweise einige Orchesterstellen im Allegro an die obere Grenze der vom Komponisten vorgesehenen Dynamik. Nach einer dieser Passagen schaute Mehta den israelitischen Geiger an als wolle er fragen „War es zu laut?“, woraufhin Zukerman grinsend nickte und sein Gesichtsausdruck vermittelte „Ja, aber mir gefällt es!“ Umgekehrt reichte der Solist dem Maestro nach dem letzten Bogenschwung des Satzes seinen Bogen, damit dieser die angerissenen Haare entfernte.

Es war diese entspannte Atmosphäre, eine gewisse Lockerheit, die das gesamte Elgar'sche Violinkonzert prägte, und durch die das melancholisch-sehnsüchtigen Melos meist in den Hintergrund trat. Zugegebenermaßen hatte ich zu Beginn des Stückes Schwierigkeiten, einen Zugang zu dieser Lesart zu finden. Dies legte sich im Laufe der drei Sätze jedoch und die Interpretation erwies sich letztlich als erfrischend anders. Im zweiten Satz schien die Zeit auch ohne Trauer und Melancholie stillzustehen und mündete in der Endlosigkeit des Nichts. Hierbei wurden die leisen und lyrischen Stellen von Pinchas Zukerman mit einem warmen, umarmenden und runden Ton mit wohltuend wenig Vibrato gespielt. Die Kraft des Tons lag nicht in der Dynamik, sondern vielmehr in dem individuellen Verhältnis, welches jeder Zuhörer mit ihm aufbauen konnte.

Zubin Mehta © Wilfried Hösl
Zubin Mehta
© Wilfried Hösl
Die Berliner Philharmoniker lieferten dazu das Fundament mit wohltönendem und ausbalanciertem Mischklang voller Wärme und Zuneigung. In den wenigen expliziten Bläserstellen des Konzertes wurde, einem Kaleidoskop ähnlich, ein Gefühl oder Moment noch einmal in verschiedenen Nuancen aufgefriffen und verstärkt – Endlosigkeit durch ein im Nichts verschwindendes Horn, Herzlichkeit mit schwelgender Klarinette. Die vielen nobilmente-Passagen, welche man sofort als charakteristischen Elgar-Klang erkennt, gestaltete Zukerman trotz der Gelassenheit erhaben und mit einem leicht dunklen Timbre. Auch im Finale, in dem der Solist technisch und mental enorm gefordert wird, waren Zukerman die vorangegangenen 30 musizierten Minuten nicht anzumerken; er präsentierte die Doppelgriffe in sauberer Intonation und meisterte die Herausforderung, vor die Elgar seinen Solisten stellt.

Als „verhängnisvolle Macht, die unser Streben nach Glück verhindert“ beschrieb der labile Tschaikowsky das Geschick – der Komponist fühlte sich als vom Schicksal Zerrissener und Gebeutelter. Dieses Gefühl völliger Ergebung und Erschöpfung nach einem verlorenen Kampf gegen die höhere Macht vermittelten die Berliner Philharmoniker im ersten Satz der Fünften Symphonie glaubhaft mit aufbrausenden Streichern, stolzen Celli und treibenden Blechbläsern. Dann trat aus der dunklen Leere des Beginns des Andante cantabile der zarte, warme „Lichtstrahl“ von Stefan Dohr, den der Hornist zu einem raumfüllenden Klang der Hoffnung und Kraft entwickelte. Das Orchester nahm diesen Ausdruck auf und musizierte ihn in den folgenden Phrasen aus. Mehta baute dabei die Klimax am Ende des Satzes in großen Bögen auf und ließ ergreifende Gefühle neuen Mutes entstehen.

Mit beschwingtem Walzer und Lust zu viel Rubato ging es zum Finale über. Mehta wirkte wohl staatsmännisch, doch sein Dirigat war elektrifizierend und trieb die Musik in der letzten Viertelstunde immer wieder mit peitschenden Kontrabässen und Pauken voran. Gepaart mit edlen Violinen, singenden Flöten und strahlenden Fanfaren wurde dies eine musikalische Darstellung der vollkommenen Lebensbejahung und ein würdiger Schluss der Konzerte der Osterfestspiele in Baden-Baden.

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