Das Programm des Chamber Orchestra of Europe unter der Leitung von Sir Antonio Pappano schien auf den ersten Blick vielleicht etwas eigenartig. Es begann mit einem Werk der Mitte des 20. Jahrhunderts, um sich danach mit dem Violinkonzert über einen der Höhepunkte aus Brahms' Schaffen in die Zeit von Brahms' Ringen um die eigene, originäre Formsprache zu begeben. Die abschließende Zugabe von Rossini setzte diese retrograde Zeitreise gar noch fort. Bedenken zur Programmgestaltung erwiesen sich im Rückblick jedoch als gegenstandslos — alles machte letztlich Sinn, formte sich zu einem eindrücklichen Konzerterlebnis.

Sir Antonio Pappano © Clive Barda
Sir Antonio Pappano
© Clive Barda

Mit seiner moderaten Größe passt das COE wie eingegossen zur Tonhalle Maag: Pappano verstand es, die analytische Akustik zum Besten der aufgeführten Werke zu nutzen. Die dynamische Spanne reichte vom feinsten Pianissimo, das nicht nur in seiner Klangfarbe hörbar, sondern auch lokalisierbar blieb, bis hin zum kräftigen Forte, welches nie zu laut oder gar lärmig klang (eine der Gefahren in diesem Saal). Dass das Orchester statt der romantischen eine klassische Aufstellung wählte (Violinen zu beiden Seiten, Bässe links hinten, gefolgt von Celli und Bratschen) hat dabei wesentlich zur Transparenz, zur Plastizität des Klangs beigetragen.

Wer bei Ligetis Concert Românesc von 1950/51 Musik im Stile seines oftmals spielerisch-provokanten Spätwerks gedacht hat, lag natürlich daneben: hier handelt es sich um rumänische Volksmusik in Rhythmus und Melodik, jedoch im Kleide klassischer Harmonik, barocker (oftmals kontrapunktischer) Formensprache: melancholisch-besinnlich in den langsamen Sätzen, mit Naturlauten (bis hin zum Kuhreihen) und orientalischen Einsprengseln, hinreißend, oft wild in den schnellen Teilen. Natürlich sind einige von Ligetis Eigenheiten bereits vorhanden, vor allem im Schlusssatz: seine Vorliebe für klangliche Geräusch- und Verfremdungseffekte, das Spiel mit Extremen in Tonhöhe und Dynamik (vom flüsternd-leisen Reiben und Rauschen bis hin zu wahren Knalleffekten). Gelegentliche Dissonanzen haben dazu geführt, dass diese Musik 20 Jahre in der Schublade ruhen musste. Heute jedoch ist das ein kurzes, faszinierendes, äußerst unterhaltsames Werk mit warmen, expressiven Kantilenen, hervorragend geeignet als Konzertbeginn. Zugleich erlaubte es, Schlüsselqualitäten des Orchesters kennenzulernen: den charaktervollen Klang der Streicher, die Transparenz, die durchweg ausgezeichneten Bläser, die hervorragende Dynamikkontrolle, das engagierte, alerte Musizieren. Pappano dirigierte nicht nur präzise, sondern zugleich schwungvoll. Er verstand es, hier, genauso wie in den nachfolgenden Werken mit dem "richtigen" Tempo zu überzeugen, natürliche Übergänge zu gestalten, mit breitem Atem lange und längste Spannungsbögen: den ganzen Abend über kam nie auch nur ein Moment der Langeweile auf, nie bestand die Gefahr, dass die Gedanken von der Musik wegwanderten.

Im Violinkonzert von Brahms überzeugte Lisa Batiashvili mit fließend-schwungvollem Spiel, klarer Artikulation, warm leuchtendem, nie schrillem oder spitzem Ton. Objektiv gesehen mag die Intonation gelegentlich "anders" geklungen haben—schien jedoch immer klar und bewusst gesetzt (z.B. mit engen Leitintervallen, großen Dur-Terzen). Ein überzeugender erster Satz, insgesamt. Üblicherweise wählen Geiger die Kadenz von Joseph Joachim, der das Konzert in der Uraufführung gespielt hat. In der Tat erklang die Eingangsgeste der Joachim-Kadenz, später auch Versatzstücke daraus. Es handelte sich jedoch um die Kadenz von Ferruccio Busoni, durchgehend begleitet von einem Paukenwirbel (mit sehr differenzierter Dynamik), später auch mit verhaltenen Streicherklängen. Ich denke, Brahms wäre wohl ungern an die Kadenz der Klavierversion von Beethovens Violinkonzert erinnert worden. Dennoch ist die Kadenz ein letztlich einigermaßen gelungenes Experiment. Das Adagio überzeugte weniger. So sehr die frei ausschwingende Oboenkantilene berührte, die Solistin sorgfältig gestaltete: ihr Vibrato war zu stark, zu nervös, störte die Ruhe des Satzes—ein verfehlter Versuch, expressiv zu spielen? Besser, impulsiv und schwungvoll der Schlusssatz: mit weicher Artikulation bei gebundenen Noten, sonst aber klar, technisch souverän und virtuos. Einige der Bläser-Einwürfe des Orchesters gerieten etwas gar scharf, und im Solo passierten (selten) einige Fehlgriffe und überschießendes Vibrato. Dies konnte das Bild jedoch nicht trüben. Zugabe: eine neuere Bearbeitung von Bachs Choralvorspiel "Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ", BWV 639, für Soloinstrument und Orchester.

Brahms' Serenade Nr.1 (eigentlich eher eine Sinfonie) gab nochmals ausgiebig Gelegenheit, die makellose Leistung des Orchesters, insbesondere dessen hervorragende Bläsersolisten (Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, und Hörner), zu genießen. Die Meisterschaft des Dirigenten äußerte sich darin, dass bei selbstverständlicher Tempowahl die Spannung nie nachließ, aber auch in der sorgfältigen Dynamik, der lebendigen Agogik, den fließenden, gänzlich unauffälligen Übergängen, der durchgehenden Intensität und Wärme des Ausdrucks. Alles klang natürlich ("so muss es sein!"), nichts forciert. Was will man mehr?

Mit der Zugabe sorgte Pappano für einen fulminanten Abschluss: die Ouvertüre zu Rossinis Oper La scala di seta. Hinreißend, ein Musterbeispiel an Theatralik über extensive Agogik, dabei schnell und extrem virtuos, speziell für Flöte und Oboe: selten wurde das Publikum so beschwingt aus dem Konzert entlassen!

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