Februar 1843. Was braucht eine Komposition, um erfolgreich zu sein? Ein großes Chorstück müsste es sein. Eine biblisch-mythologische Grundlage sollte es haben. Ein Schuss Exotik ist auch nicht unbeliebt. Und natürlich voller romantischer Bilder.

Philippe Herreweghe © Sven Lorenz | Philharmonie Essen
Philippe Herreweghe
© Sven Lorenz | Philharmonie Essen
Mendelssohn und Ries beispielsweise machten es vor, Händel'sche Vorlagen wieder auszugraben, aufzuführen und anzupassen oder neue Verarbeitungen entfernter alter Stoff-Welten unter die Ohren zu bringen. Was sich erzählerisch, liedhaft, oratorisch und orchestral über 90 Minuten in Das Paradies und die Peri in orientalischem Erlösungsepos ausbreitet, verleitete nicht nur die internationale Fachwelt sondern auch Robert Schumann selbst zur Erkenntnis, sein bestes Werk komponiert zu haben.

Oktober 2015. Was braucht eine erfolgreiche Wiedergabe heute? Einen vom verklärt-romantischen Dauervibrato und von dick aufgetragener Patina befreiten Klang, der sowohl den Text als auch die farbliche Melodie- und Stimmenpracht neu erlebbar macht und offenlegt. Und das ist nicht einfach in einer interpretatorischen Gemengelage, tut aber Not in dem Geflecht aus irdisch-überirdischer Märchenhandlung (auf Basis Thomas Moores Zyklus' Lalla Rookh) und musikalischer Mixtur, die Schumann „nicht für den Betsaal, sondern für heit're Menschen“ vorgesehen hat.

Fünf Solisten, Chor und Orchester erzählen schließlich die Geschichte eines aufgrund seiner Herkunft vom Paradies ausgeschlossenen Abkömmlings eines gefallenen Engels (die Peri) und einer sterblichen Figur, die mit unglaublich verwunschenen Opfern die Aufnahme im Himmelreich zu bekommen versucht. Mit dem dritten Geschenk, den Tränen eines vom Anblick eines betenden Knaben an seine kindliche Unschuld erinnerten, reuigen Verbrechers, erreicht sie nach zwei Fehlschlägen sein Ziel. Auch wenn vor allem in den Chören der dramatische Part nicht fehlt, in dem dann wechselstimmige Gruppen die Rollen übernehmen, so überwiegt das Lyrische, das aufgrund der Handlung bis zur Erlösung (und Schumanns Charakterisierung) melancholisch geprägt ist. Trotz leichter Eleganz dieser Passagen kann schnell (im zweiten und dritten Teil) überlebenswichtige Spannung verloren gehen. Zwar kommen diese beiden Seiten natürlich aufgrund der Anlage schon heraus, fraglich ist, wie scharf die Kontraste verarbeitet werden.

Philippe Herreweghe entschied sich für eine werkimmanente Auslegung, die quasi ex opere und, für ihn nicht verwunderlich, puristisch-nüchtern das Opulente entflechtet. Das Oratorienhafte, wenn man so will, liegt dabei im Ganzen, eigentlich nicht losgelöst vom Heiteren, einheitlich mit dem sakralen Element, das von Melodieschönheit und Bildern ummantelt ist. Der Spagat gelang dem bestens aufgelegten belgischen Maestro so wie seine Übergänge, fließend und sicher. Während auch die Phrasierungen im Lyrischen deutlich aber nicht zu forciert und alle Instrumente fast komplett vibratolos herrlich transparent waren, hätten jedoch die piano-Stellen im Verhältnis noch leiser sein und die glücklicherweise nicht alles bedeckenden Streicher doch eine kleine Prise mehr Kraft geben können (mit Ausnahme der Kontrabässe). Das Orchestre des Champs-Elysées lieferte aber einen angenehm runden, weichen Klang aus einem Guss, bei dem sich vor allem neben kräftig knarzender Bassposaune und den akkurat exponierten Flöten und Oboen die erste Hornistin besonderes Lob verdient habt. Hervorhebenswert zudem die eindringliche Todesszene im zweiten Teil mit warnenden wie feinen Streichern und Holzbläsern.

Carolyn Sampson © Ingpen Williams
Carolyn Sampson
© Ingpen Williams
Als solche kompakte Gruppe erwies sich zudem das Collegium Vocale Gent. Die 36 Sängerinnen und Sänger bewiesen in den eigentlich typisch Mendelssohn'schen Chören Weltklasse nicht nur in puncto Textverständlichkeit und Diktion, auf die Herreweghe peniblen Wert legt. Auch in der Variation aus langsamen Untermalungen und eingeworfener Dramatik bestach der Chor so jeweils mit Legato-Artikulation und Lieblichkeit oder expressiver Frische und Durchschlagskraft. Die wuchtigen Einwürfe „Doch seine Ströme sind jetzt rot“ und „Denn heilig ist das Blut“ boten mit beeindruckenden Männerstimmen die willkommene Spritze Adrenalin und Feuer.

Auf gleichem Niveau befanden sich die Hauptdarsteller des Werkes. Wiebke Lehmkuhl brillierte in durchdringender Stärke mit warm-rundem Timbre als würdiger Engel und phrasierte in ihren ernst-melancholischen Erzählungen ihren Alt in exzellenter Weise. Maximilian Schmitt stand dem nicht nach und verlieh seiner Rolle als Erzähler Autorität, wobei sanfte Elemente genauso glückten wie die kräftigen, sicher in Höhe und Tiefe, mit geführten Crescendi, befreit von Leierhaftem und Überdrehtheit. Christina Landshamer mit makellos hellem, genauem und leichtem Sopran sowie Andrè Schuen in interpretationskongruent unschwülstigem und in den Höhen klarem Bariton gesellten sich in ihren relativ kurzen Auftritten ebenfalls zu der Auslese formidablen Gesangs. Und zu alledem fungierten sie gemeinsam auch noch perfekt aufeinander abgestimmt in den fast mozartesken Quartetten.

Nur räumlich auf der anderen Seite stand Carolyn Sampson, die damit in symbolischer Einsamkeit bis zur Erlösung eine suchende, verstört-hoffende, schwelgende, schließlich befreite Peri verkörperte. Obwohl die Orchesterbegleitung bei ihr etwas zu laut geriet, fügte sich ihr verständlicher, reiner Sopran mit wohligem Timbre einerseits dennoch in Chorüberlappungen passend ein, anderseits erwies er sich auch in diffizilsten, höchsten Höhen nie scharf oder mühevoll-gewollt. Im creme-weißen Kleide umgab sie ihrem Gesang in der feengleichen Rolle eine zerbrechlich-unwirkliche, transparente und gleichzeitig mutige Physis und Aura. Mit Ausdruckskraft, bewusst eingesetztem, schnellen Vibrato, lieblicher Verzücktheit und Leichtigkeit schaffte Sampson übereinstimmend in romantischer Seligkeit nicht nur bildlich paradiesische Zustände.

Zum Auftakt der Herreweghe-Residenz vollbrachten Solisten, Chor und Orchester in der Philharmonie Essen eine Glanzleistung.