Heutzutage machen alle Selfies – in erster Linie um anderen zu zeigen, wie wahnsinnig toll und in welch irrer Location man gerade ist. Zum Beispiel in der Wiener Staatsoper. Aber wehe, die Selfie-Macher bekommen einen Spiegel vorgehalten. Dann werden’s narrisch.

Ensemble © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Ensemble
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper

Zumindest bei der Premiere von Alvis Hermanis’ sehr wienerischem Parsifal, der sich zur Jahrhundertwende in der Psychiatrie zuträgt. Denn in puncto Richard Wagner hört sich in dieser Stadt der Spaß, pardon, Schmäh auf, da schlägt Weinseligkeit in Bierernst um. Erwartet wird, auch wenn man Regie-Kummer gewöhnt ist, das Niveau vom siebten Himmel, wie auch immer dieser aussehen mag. Ansonsten gibt es ein gnadenloses (Buh-)Donnerwetter, wie eben für Alvis Hermanis und seinen Parsifal – und das, obwohl Mitleid ein Hauptthema dieses Werkes ist.

Verdient, zumindest in dieser Vehemenz, war das allerdings nicht, schließlich hatte Hermanis, wie allerorten im Feuilleton zu lesen war, auch die besten Absichten. Nur: gut gemeint ist noch nicht gut gemacht, und manches ist tatsächlich misslungen. Nüchtern betrachtet hat man aber zumindest ein wunderschönes Bühnenbild bekommen, das alle Ostern wieder Freude machen wird, so man am Geschehen darin noch ein wenig arbeitet – vielleicht unter dem Motto „weniger ist mehr“.

Nina Stemme (Kundry) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Nina Stemme (Kundry)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper

Es hat nämlich den Anschein, dass Hermanis alles aufbietet, was ihm zum Thema „Wien um die Jahrhundertwende“ bei Google untergekommen ist. Das von Hermanis persönlich entworfene Bühnenbild sieht als Ort der Handlung die psychiatrische Abteilung des (Otto) Wagner Spitals im 14. Wiener Gemeindebezirk vor. Darin finden sich Elemente der berühmten Kirche am Steinhof, beispielsweise wurden Engelstatuen der Fassade ins Innere des Spitals verlegt. Die Altarkuppel schwebt über der Szenerie und senkt sich auf den heiligen Gral, der sich bei Hermanis als Gehirn entpuppt. Hin und wieder gibt es Ausblicke in den weitläufigen Park; einige Szenen werden mit Videoprojektionen eines bebilderten Librettos in Frakturschrift überschrieben.

Christopher Ventris (Parsifal) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Christopher Ventris (Parsifal)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper

So weit, so ausgezeichnet als Idee. Doch leider merkt man dieser Inszenierung an, dass hier die Erzählung der Optik unterworfen und mit zu vielen Anspielungen überfrachtet wurde. Nicht, dass das Ambiente einer Psychiatrie für Parsifal unpassend wäre, immerhin muss Kundry „Irre! Irre!“ singen und schwankt ohnehin zwischen Manie und Depression. Da kann sie ruhig mit Elektroschocks aus dem Schlaf geholt werden und sich unter der Decke eines Spitalsbettes verstecken statt im Gedörn. Ärzte hat sie außerdem gleich zwei: Anstaltsleiter Gurnemanz ist der „good doc“, der Pathologe Klingsor der „bad doc“. Da muss Kundry zwangsläufig auf Siegmund Freuds Couch landen…

Dass der Chor herausragende Persönlichkeiten der Jahrhundertwende darstellen soll, beispielsweise Klimt und Schiele (allerdings in mäßig gelungener Maske), ist gut nachvollziehbar, auch, dass diese zur Gralsenthüllung in der Psychiatrie kommen – krank ist schließlich die ganze Gesellschaft. Doch dass sie zum Schluss mit geflügelten Goldhelmen auftreten (Kostüme: Kristine Jurjane) ist Komik pur und daher unangebracht. Auch Kundry trägt zwischenzeitlich einen lächerlichen, goldenen Kopfschmuck und Parsifal rückt zur Fußwaschung gar in einer goldenen (Gladiatoren?-)Rüstung an. Ist er nur ein Hirngespinst? Ist er ein schizophrener Patient und hält sich für Parsifal? Man weiß es nicht, aber das spricht nicht unbedingt gegen den Regisseur.

Nina Stemme (Kundry) und Jochen Schmeckenbecher (Klingsor) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Nina Stemme (Kundry) und Jochen Schmeckenbecher (Klingsor)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper

Enttäuschend ist allerdings die phantasielos-statische Verführungsszene am Spitalsbett, auch die Rückeroberung des Speers wird dramatisch verschenkt: Parsifal zieht ihn aus einem Riesengehirn, und Klingsor ist es anscheinend egal. Mehr Witz hat es, dass Fußwaschung und Taufe mit derselben Waschschüssel stattfinden und die getaufte Kundry zum Schluss den Gral enthüllen darf. Für Wagner-Puristen wohl eine Herausforderung…

Das traf in mancherlei Hinsicht auch auf die musikalische Seite des Abends zu, die ebenfalls für Kontroversen sorgte. Für einen Dirigenten ist Parsifal schon aufgrund der Länge herausfordernd, doch verlängerte ihn der unerschrockene Semyon Bychkov am Pult noch um eine Viertelstunde. Das führte zu einem Verlust an Spannung, der all das Schöne und Differenzierte, das besonders im ersten Aufzug zu hören war, leider in den Hintergrund treten ließ; die kleinen Unsauberkeiten zum Schluss lassen sich vermutlich auf Ermüdungserscheinungen im Orchester (oder des Dirigenten selbst) zurückführen.

René Pape (Gurnemanz) und Gerald Finley (Amfortas) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
René Pape (Gurnemanz) und Gerald Finley (Amfortas)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Gesanglich war hingegen alles zum Besten bestellt: Der kurzfristig für Hans-Peter König eingesprungene René Pape gab einen herausragenden Gurnemanz, der wohl jeden zum rechten (Wagner‑)Glauben (ver)führt und frenetisch bejubelt wurde. Jochen Schmeckenbecher als Klingsor war ihm ein Gegner mit vokaler Schärfe, hatte aber wenig Furchteinflößendes an sich. Christopher Ventris posaunte den „reinen Toren“ Parsifal mit großem Heldentenor, schien sich aber in dieser Inszenierung nicht wirklich zurechtzufinden. An Lautstärke überbot ihn noch Nina Stemmes elektrogeschockte Kundry. Ihr Versuch, Parsifal zu verführen, hätte geschmeidiger, erotischer ausfallen dürfen, aber das war vielleicht auch der bereits erwähnten unglücklichen Choreographie dieser Szene geschuldet. Dem stimmschönen Amfortas des Gerald Finley schließlich war in dieser Inszenierung das Überleben nicht vergönnt: Er stirbt letztendlich an seiner Kopfwunde. Solides boten die süßen Wiener Mädel (Blumenmädchen) und der Chor in dieser Inszenierung, die mitnichten indiskutabel ist, sondern eine, die reichlich Stoff für Diskussionen hergibt und nicht auf eine Lesart beschränkt ist.