Eine spannende Woche steht dem Wiener Publikum ins Haus: Sowohl die Wiener Staatsoper als auch das Theater an der Wien werden in der nächsten Woche ihre Programme für die kommende Saison ankündigen. Was hat dies nun mit dem alljährlichen Parsifal-Reigen zum Osterfest zu tun? Gerüchte besagen, dass in der Saison 2016/17, nach 12 Jahren und nicht einmal 50 Aufführungen, die erprobte Inszenierung von Christine Mielitz in der Ausstattung von Stefan Mayer etwas Neuem weichen soll. Ob dem wirklich so ist, wird die Spielplankonferenz zeigen.

Michael Volle (Amfortas) und Falk Struckmann (Gurnemanz) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Michael Volle (Amfortas) und Falk Struckmann (Gurnemanz)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper

Derweil sie noch zu sehen ist, bleibt die Frage: Was zeichnet die Arbeit von Mielitz und Mayer aus? Viel Verweigerungspotenzial, daran besteht kein Zweifel. Die Bildgewalt, die Wagner seinem Bühnenweihfestspiel mitgegeben hat, wird in dieser Umsetzung wirkmächtig gebrochen, indem beispielsweise der Karfreitagszauber sich von einem unschmucken, rotglänzenden Gebirgsmassiv à la Alpenpanorama abspielt, wodurch nicht wirklich Stimmung erzeugt wird. Dennoch: die kleinen Details vermögen in dieser Inszenierung zu überzeugen, beispielsweise der fallende Zwischenvorhang während des peinlichen Bühnenabendmahls oder der sich am Ende als Metallbröselhaufen entpuppende Gral.

Dem Dirigenten Ádám Fischer und dem souverän musizierenden Staatsopernorchester gebührte zweifelsohne der Preis des Abends. Fischer ist mit allen kapellmeisterlichen Tugenden ausgestattet, die ihn eine Idealbesetzung für einen Parsifal machen. Er ergeht sich nicht in mühevollem Pathos, erzeugt keine Längen und nimmt stets Rücksicht auf der Personal auf der Bühne. Es gibt vielleicht tiefgründigere Grabendeuter oder experimentellere Umsetzungen der Partitur, aber will man auf Nummer sicher gehen, so ist und bleibt Fischer die richtige Wahl.

Stephen Gould (Parsifal) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Stephen Gould (Parsifal)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Ein weiterer Star des Abends ist das Kollektiv des Chores der Wiener Staatsoper in der Einstudierung von Thomas Lang. Nie zu laut und klanglich sehr ausgewogen präsentierten sich sowohl Damen als auch Herren und geben sehr wortverständlich eine ansehnliche Leistung zu Protokoll. Einzig vielleicht am Schluss machte ihnen die Bühnenakustik einen Strich durch die Rechnung: Der hinter der Bühne befindliche Damenchor wurde deutlich von den Herren auf der Bühne übersungen, was das Gesamtbild etwas eintrübte, aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau. Auch zeigten die Kinder der Opernschule der Wiener Staatsoper, dass sie ihren kleinen Einsatz während des verhüllten Abendmahles mehr als sauber zu singen vermochten. Gut, dass es diese Institution gibt!

Unter den Solisten des Abends ragte als übermenschlicher Leider Michael Volle heraus. Selten ist Amfortas mit soviel zurückgenommener Stimmbeherrschung gesungen worden wie von ihm. Man nahm ihm den gesamten Abend über den leidenden Gralskönig ab, wobei vor allem seine durchdringenden, mit viel Stimmkultur dargebotenen „Erbarmen“-Rufe zu den Höhepunkten des Abends gezählt werden dürfen. Als Rollendebütant, der – sieht man einmal von seiner kreativen Textfassung ab – durch und durch überzeugen konnte, ist Falk Struckmann zu nennen. Einst ein Amfortas begibt er sich nun in größere Basstiefen hinab und erweitert sein Repertoire, welches er stets bühnenwirksam darbietet, um neue Rollen. Sicher: Routine wird ihm noch gut tun und er wird wohl kein überväterlicher Gralsritter werden, doch hier wächst ein kräftig geführter Gurnemanz heran, der keinerlei Angst vor den Längen dieser Rolle zu haben braucht.

Als „reiner Tor“ war der wieder auf das internationale Opernparkett zurückgekehrte Stephen Gould zu erleben, dem man leider bescheinigen muss, dass es Wagnerrollen gibt, die ihm besser anstehen als der Parsifal. Ganz nahm man ihm den naiven Helden nicht ab, obwohl er ihn mit einiger Strahlkraft auszustatten vermochte. Seine großen Momente hatte er an diesem Abend vor allen Dingen im dritten Aufzug, wo er mit seinen ungeheuren Kraftreserven punkten konnte.

Violeta Urmana (Kundry) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Violeta Urmana (Kundry)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
In etwas Abstand zu diesem exquisit besetzten Ensemble war Boaz Daniel zu stellen. Er gab seinen Klingor für meinen Geschmack mit zu viel Belcanto und zu brav, sodass es ihm nicht gelingen wollte, die Boshaftigkeit des Zauberers darzustellen. Doch eine Person, die den Abend zu einem Höhepunkt werden lies, war zweifellos Violeta Urmana als wandlungsfähige Kundry. Mag auch ihr „...und lachte!“ in der Höhe etwas geflackert haben, so gestaltete sie den Rest der Vorstellung mit viel Schauspielvermögen und ihrer fein geführten Stimme. Ob im ersten Aufzug als fremdelnde Dienerin oder im zweiten als Verführerin, diese Rolle gehört wohl, zusammen mit ihrer Isolde, zum Besten ihres Repertoires.

Fazit: Ein würdevolle Umsetzung von Wagners Parsifal, an der einzig die vorösterliche Applausordnung störte.

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