Die 1945 uraufgeführte Oper Peter Grimes des englischen Komponisten Benjamin Britten gehört zweifellos zum zugleich Berührendsten wie aber auch Verstörendsten, das die Gattung Musiktheater im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Britten und sein Librettist Montagu Slater thematisieren in diesem Werk das Außenseitertum in einer bigotten und intoleranten Fischergesellschaft in Norfolk. Wie der Komponist das Klima seiner Heimat auch musikalisch schildert, sucht seinesgleichen. Die Wiener Staatsoper bringt nun endlich wieder dieses meistgespielte Werk Brittens in der mittlerweile 20 Jahre alten Inszenierung von Christine Mielitz.

Chor und Norbert Ernst (Bob Boles) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Chor und Norbert Ernst (Bob Boles)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Die Freude über diese Spielplanentscheidung ist besonders von dem Umstand geprägt, dass es erst die 37. Aufführung in dieser Inszenierung ist. Das Publikum der Wiener Staatsoper scheint mit dieser Oper nicht ganz warm zu werden, was mitunter auch an der pseudo-modernistischen Neonlichtästhetik dieser in Bühnenbild und Kostüm von Gottfried Pilz gestalteten Deutung liegen kann. Die Grundhandlung macht diese Inszenierung jedoch trotz einiger nicht nachvollziehbarer und nichtssagender Regiespielereien durchaus klar und es gelingt der Regisseurin, einige Bilder von Prägnanz zu entwickeln.

 

Den Höhepunkt des Abends markierte mit Sicherheit das Wiener Rollendebüt des sonst als Wagner- und Strausssänger bekannten Tenors Stephen Gould. Mit Ausdauer und stimmlicher Ökonomie, die voll und ganz beeindruckt, gestaltete Gould die anspruchsvolle Partie des gesellschaftlich ausgestoßenen Fischers Peter Grimes. Wenn er ihn vielleicht schauspielerisch auch etwas derb gab, so wusste er eindeutig mit seiner gesanglichen Leistung zu brillieren. Zu den Höhepunkten gehörten zweifellos seine anspruchsvollen Arien „What harbour shelters peace“ und sein dem Wahnsinn naher Auftritt in Aunties Taverne. Nachhaltig gelangen ihm auch die Spitzentöne im Duett mit Ellen Orford im zweiten Aufzug und sein Monolog in der Fischerhütte. In jeder Situation erwies sich Gould dabei als Sängerschauspieler, der stets 100 Prozent Körpereinsatz gab.

Brian Mulligan (Balstrode) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Brian Mulligan (Balstrode)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
An seiner Seite wussten aber auch Peters wenige Freunde zu beeindrucken. Elza van den Heever gab eine fast schon als belcantesk zu bezeichnende Ellen Orford, die nachhaltig mit vollem stimmlichem Einsatz schon in ihrer moralisierenden Ansprache an die Dorfgemeinschaft im ersten Aufzug Eindruck hinterließ. Im Streitgespräch mit ihrem Bühnenpartner steigerte sie sich zur Vorkämpferin des Gehilfen Peters mit feiner Phrasierung und souverän geführter Höhe. Auch der Hausdebütant Brian Mulligan, der in Wien zuletzt bei den Wiener Festwochen in der Passagierin auf sich aufmerksam machte, ist für seine Interpretation des Balstrode zu loben. Mit klangschönem Bariton war er der Fürsprecher Peters.

Die Dorfgemeinschaft war an diesem Abend hauptsächlich aus dem Ensemble der Staatsoper besetzt. Mit wenigen Abstrichen – teilweise kämpften manche Sängerinnen und Sänger mit Wortdeutlichkeit und Intonation – kann das Personal der nicht wenigen Nebenrollen als rollendeckend bezeichnet werden. Besonders hervorzuheben ist dabei der am Ende des ersten Aktes sturzbesoffene Bob Boles von Norbert Ernst, der zweideutige Swallow von Wolfgang Bankl und der stimmlich raumgreifende Hobson von Sorin Coliban. Ein weiterer Hauptdarsteller dieser Oper sollte aber nicht vergessen werden: der Chor der Wiener Staatsoper. Einstudiert von Thomas Lang gestaltete dieser eine stimmlich beeindruckende Ausführung, die allerdings durch die nicht immer saubere Koordination mit dem Orchester etwas eingetrübt wurde.

Dennoch: Graeme Jenkins konnte eindrücklich Klasse zeigen. Wenn auch im Orchestergraben nicht alles glatt laufen wollte , so hinterließ das klangliche Gesamtbild einen positiven Eindruck: Als instrumentale Höhepunkte des Abends können die Orchesterzwischenspiele gelten, in denen Jenkins alle Höhen und Tiefen ausloten konnte. Besonders eindrücklich geriet dabei die düstere Passacaglia und die berührende Nachtmusik, die den dritten Aufzug eröffnet.

Fazit: ein eindrücklicher, ja bisweilen sogar beglückender Opernabend, den man, auch wenn er nicht gerade vorweihnachtliche Stimmung verbreitet, gesehen haben sollte!

Elza van den Heever (Ellen Orford) und Stephen Gould (Peter Grimes) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Elza van den Heever (Ellen Orford) und Stephen Gould (Peter Grimes)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
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