Die Salzburger Pfingstfestspiele stehen in diesem Jahr unter dem Motto „Romeo und Julia“ und huldigen damit dem großen William Shakespeare, dessen Tod sich dieses Jahr zum 400. Male jährt. Neben der Produktion von Bernsteins West Side Story hat Cecilia Bartoli dafür auch eine andere Vertonung der berühmten Tragödie auf den Spielplan geholt. Nicola Antonio Zingarelli Giulietta e Romeo war nach der Uraufführung 1796 am Teatro alla Scala ein großer Erfolg und erfreute sich Jahrzehnte lang großer Beliebtheit, geriet dann jedoch in Vergessenheit.

I. Karaianni, X. Sabata, A. Hallenberg. A. Georgakatos, G. Petrou, B. Mihai © Silvia Lelli | Salzburger Festspiele
I. Karaianni, X. Sabata, A. Hallenberg. A. Georgakatos, G. Petrou, B. Mihai
© Silvia Lelli | Salzburger Festspiele

Die konzertante Aufführung im Haus für Mozart griff auf eine Edition zurück, die auf der Version der Uraufführung basiert und präsentierte eine Klangwelt, die zwischen Mozart und Bellini liegt und ein später Vertreter der neapolitanischen Opernschule ist. Mit einem relativ kleinen Ensemble und einer vergleichsweise eher am Barock angelehnten Musiksprache ist das Werk generell sehr intim. Es mag vielleicht in musikdramatischer Hinsicht nicht mit Werken Mozarts oder Bellinis mithalten können, ist jedoch durchaus eine interessante Entdeckung, die es wert ist gehört zu werden.

Am Pult stand der griechische Dirigent George Petrou. Sein schlichter, nüchterner Dirigierstil schuf ein klares, transparentes Klangbild, das vom Ensemble perfekt umgesetzt wurde und die Dramatik der Partitur herausarbeitete. Ob zarte, lyrische Stellen oder dramatisch aufgeladene Passagen, das Instrumentalensemble Armonia Atenea traf stets die richtige Atmosphäre. Auch der Chor gab eine ausgezeichnete Vorstellung mit äußerst emotionalem Vortrag und einem sehr ausgeglichenen Gesamtklang.

In den kleineren Rollen hörten wir Juan Sancho als Teobaldo und Irini Karaianni als Matilde. Sanchos leichter Tenor war ausgewogen und man bedauerte, dass er in dieser Rolle nicht besonders viel zu singen hat. Karaianni hingegen konnte ihren warmen sonoren Mezzosoprano bei ihren Arien und den Ensemblenummern gut zur Geltung bringen. Besonderes im mittleren und unteren Register klang ihre Stimme sehr schön rund; ihre Gestaltung insgesamt war sehr zufriedenstellend und ich möchte sie gerne einmal in größeren Rollen hören.

Als Gilberto fungierte der Countertenor Xavier Sabata als Vermittler zwischen den beiden verfeindeten Familien. Seine fokussierte, abgerundeteStimme passte ideal zu dieser vermittelnden Rolle und gab seinem Charakter Glaubwürdigkeit und ein gewisses Maß an Sympathie. Ebenfalls glaubwürdig war Bogdan Mihai in der Rolle von Julias Vater Everardo. Sein klarer, heller Tenor (in der Gesamtbesetzung jedoch in älterer Tradition immer noch die tiefste Stimme) war dieser väterlichen Rolle durchaus gewachsen; Mihai gestaltete nobel, verlieh seiner Darstellung aber mit einem Hauch Bedrohlichkeit die notwendige Autorität. Seine glaubwürdige Rollengestaltung und besonders seine Gestaltung der schrecklichen Erkenntnis seiner Schuld nach dem Tode Julias waren überaus überzeugend.

In der männlichen Hauptrolle des Romeo wurde der argentinische Countertenor Franco Fagioli gefeiert, dessen Stimme durch eindrucksvollen Umfang und Klangschönheit überzeugt. Nie zuvor habe ich einen Countertenor mit so klarer ebenmäßiger Stimme gehört, die außerdem enorm flexibel ist und den Hörer an diesem Abend restlos in ihren Bann gezogen hat. Die Ausgestaltung seiner Rolle war extrem packend und insbesondere die innere Zerrissenheit im letzten Akt gestaltete er enorm expressiv.

Mindestens ebenso eindrucksvoll war die schwedische Sopranistin Ann Hallenberg als Giulietta. Ihr warmer Mezzosopran bestah ebenfalls durch Flexibilität, schönes Timbre und eine insgesamt sehr emotionale Darbietung. Die Entwicklung des jungen schüchternen Mädchens zur selbstbestimmenden Frau, die ihrer Liebe wegen schlussendlich den Tod wählt, konnte Hallenberg trotz der Konzertsituation grandios vermitteln. Ihr delikates Instrument überzeugte besonders in der „vermeintlichen“ Sterbeszene, in der sie den emotionalen Aufruhr ihrer Rolle stimmlich Ausdruck verlieh.

Mein persönliches Highlight des Abends war mit Abstand das erste gemeinsame Duett von Romeo und Giulietta, in dem die beiden Stimmen wunderbar miteinander verschmolzen und ganz besonderen Hörgenuss boten. Die ineinander geschlungenen Linien der beiden Verliebten schwangen sich gegenseitig immer intensiver auf und illustrierten diese plötzliche Verliebtheit auf wunderbare Weise. Die überaus lebendige Gestaltung der beiden Solisten mit ihren geläufigen Koloraturen und zarten Phrasierungen ließ einem förmlich den Atem anhalten. Bei dieser ebenbürtigen Besetzung der beiden Hauptrollen war dieses Duett allerdings nur das erste von vielen stimmlichen Highlights des Abends.

Insgesamt war es ein äußerst vergnüglicher Abend mit einer Rarität, die zeigt, dass es auch abseits des üblichen Opernkanons Werke gibt, die es wert sind entdeckt zu werden. Die Salzburger Pfingstfestspiele jedenfalls haben damit durchaus einen Treffer gelandet.

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