Die Philharmonia Zürich eröffnete ihr Konzert auf der Bühne des Opernhauses, unter der Leitung des Gastdirigenten Alain Altinoglu im gewohnt festlichen Rahmen, mit Liszts bekanntester Symphonischer Dichtung, Les Préludes. Altinoglu ist als erfahrener Operndirigent mit den räumlichen und akustischen Gegebenheiten im Opernhaus vertraut und wusste die Eigenheiten der Bühne als Konzertpodium durchaus zum Vorteile der Musik zu nutzen. Mit Sinn für Dramatik setzte Altinoglu das Crescendo sparsam, kontrolliert ein, achtete auch im ersten, grandiosen Höhepunkt auf einen transparenten Klang, aus dem die hohen Streicher mit leichter, fast luftiger Artikulation ihre prominente, aber nicht zu dominante Rolle ausspielen konnten. Klare Konturen und ein überzeugender Tempoverlauf zeichneten im Weiteren die Interpretation aus, über Sturm und die ländliche Pastoral-Szene, hin zum gloriosen Schluss. Letzterer blieb kontrolliert, zeugte von sorgfältiger Vorbereitung, wie auch von der ausgezeichneten Qualität des Orchesters, aufmerksam und aktiv unterstützt von der Konzertmeisterin, Hanna Weinmeister.

Lise de la Salle © Stephane Gallois | Vanity Fair
Lise de la Salle
© Stephane Gallois | Vanity Fair

Nach dieser eindrücklichen Ouvertüre setzte sich Lise de la Salle an den Steinway. Sie kennt sich hier bestens aus, hat sie doch über die vergangenen Jahre sämtliche konzertanten Werke von Rachmaninow mit Fabio Luisi und der Philharmonia aufgeführt. In Liszts Klavierkonzert Nr. 1 brauchte sie deshalb ihre respektablen technischen Fähigkeiten nicht unter Beweis zu stellen. Die Interpretation war ein Wechselbad der Gefühle, was teils jedoch auch in Liszts Komposition begründet ist. Sicher, Liszt wollte mit diesem Konzert seine Bravour zur Schau stellen. Lise de la Salle hat dies aber noch gesteigert, durch betont ungestümes, impulsives Spiel in den dramatischen Segmenten. Bei den weiten Sprüngen in den beidhändigen Oktavparallelen schien ihr der virtuose Effekt wichtiger, als unbedingt alle Tasten korrekt zu treffen. Sie verwendete ein sehr ausgeprägtes, wenn nicht übertriebenes Rubato, mit gewissen Willkürlichkeiten. Dafür zeigte sie sich in den lyrischen Segmenten betont gefühlvoll, bis hin zum übertriebenen Rallentando, an dem der musikalische Fluss zu erliegen schien. Äußerst expressiv war die Pianistin im Quasi adagio, das sie zum Höhepunkt stark steigerte, dann wieder in feinstes Pianissimo versinken ließ. Läufe in den folgenden Segmenten waren meist sehr klar und deutlich artikuliert. Wenn Extreme zu gelegentlichen Fehlgriffen führten, blieben diese geschickt kaschiert. Verschleierte oder schwülstige Artikulation kann man ihr jedoch kaum vorwerfen, wiewohl die Interpretation zu Übertreibungen neigte.

Als Zugabe wählte die Pianistin die Liszt'sche Bearbeitung von Schumanns bekanntem Lied Widmung: pianistisch brillant, am Höhepunkt geradezu ein Feuerwerk – allerdings ging gelegentlich die Gesangslinie (und damit auch die intimen Momente in Rückerts Gedicht) im virtuosen Beiwerk unter.

Bartóks Konzert für Orchester ist wie ein „spätes Wiedererwachen“, das am Beginn einer unerwarteten, produktiven Schaffensphase, eines letzten Aufbäumens des verzweifelten, an Leukämie erkrankten Komponisten stand. Altinoglu ließ den Klangkörper mit Verve, mit leidenschaftlichem, Feuer musizieren, und das Ensemble war konzentriert und engagiert bei der Sache. Als Vorteil für die Klarheit und Transparenz erwies sich die tiefe räumliche Staffelung: der Raum erlaubte klarste dynamische Kontraste, einen Beginn im allerfeinsten, raunenden Pianissimo, aus dem Altinoglu allmählich steigerte, die Bläsereinwürfe klar hervortreten ließ.

Spielfreude und Musizierlust dominierten dann im Paar-Reigen des zweiten Satzes, mit ausgezeichneten Bläsersoli und dem unerwarteten, feierlichen Choral der Blechbläser: sehr sauber musiziert in Rhythmus und Intonation. Ich würde allenfalls anmerken, dass vereinzelt Übergänge nicht ganz harmonisch oder überzeugend ausfielen. Ein Höhepunkt war der Mittelsatz Elegie mit seinem Flirren und einer Stimmung, die gelegentlich an Debussys Prélude à l'après-midi d'un faune erinnerte. Hervorragend der geschlossene, eindrückliche Auftritt der Violen: generell hinterließen die Streicher an diesem Abend einen hervorragenden Eindruck. Die Violen glänzten auch im „Intermezzo interrotto“, das trotz seiner schiefen Rhythmik volkstümlich, wenn nicht gar wie ein Walzer wirkte. Hier schien der Dirigent gänzlich in seinem Element.

Den glanzvollen Schlusspunkt setzte dann das virtuose, rhythmisch komplexe Finale: ein orchestrales Schaustück, welches die Elemente der vorangegangenen Sätze, deren Spielfreude, das Volkstümliche in sich vereinigt. Hier stimmte alles, die Übergänge, das Engagement, die Leistung des Ensembles, bis hin zum fulminanten Höhepunkt.