Rafael Payare (*1980) ist seit 2014 Chefdirigent im nordirischen Ulster; die letzten drei Jahre nahm seine Karriere einen steilen Verlauf, sowohl in Europa wie in den USA. Für den ersten Teil des Abends mit dem Klavierkonzert Nr.1 von Johannes Brahms war er für einen Teil des Publikums hinter dem Flügel versteckt, der von der russischen Pianistin Anna Vinnitskaya  bespielt wurde. Die Philharmonia Zürich glänzte in der langen Orchestereinleitung mit einem prominenten, zugleich weichen und satten Streicherklang. Die Platzierung der Streicher vor der Bühne war sehr vorteilhaft; zumindest beim Brahms klangen die Bläser etwas gedämpft, während die Pauken in der Tiefe des Bühnenraumes keinerlei Probleme hatten, sich Gehör zu verschaffen.

Philharmonia Zürich © Dominic Büttner
Philharmonia Zürich
© Dominic Büttner

Die Solistin schien im ersten Satz zwischen zwei Modi zu wechseln: in den lauteren Partien war ihr Spiel kräftig-viril, aber kaum extrovertiert, nie gewaltsam, immer mit einer Portion Lyrik in Anschlag und Artikulation. Oftmals drängte sie eher vorwärts, ließ dabei der Agogik wenig Raum (die Trillerketten nach zum Beispiel hätten durch angedeutete Verzögerungen mehr Gewicht erhalten). Anders die lyrischen Stellen (z.B. bei Poco più moderato markierten Soli): diese musizierte sie verträumt, gefühlvoll, durchaus mit Agogik; sehr gut gelungen fand ich auch das Duett von Klavier und Solovioline. In der Coda spielte sie mit viel Kraft, allerdings hinkte das Orchester hier häufig leicht hinten nach, war die Koordination bestenfalls mäßig. Zwei etwas unsaubere Horn-Einsätze trübten das Bild zusätzlich.

Die wirkliche Herausforderung in diesem Konzert liegt aber nicht nur im virtuosen Solopart: das Adagio im 6/4-Takt erschien mir so langsam, dass Orchester und Solistin überfordert waren. Diesen Satz empfand ich streckenweise als statisch, er drohte fast zu zerfallen. Schon in der Einleitung erklangen Einsätze tendenziell zu früh, als wenn einige Musiker die nötige Geduld nicht aufbrächten. Auch war bei diesem langsamen Zeitmaß das einzige agogische Gestaltungsmittel eine momentane Beschleunigung, was wiederum dem Charakter eines Adagio entgegenstand. Die Oboeneinsätze waren eher forte statt piano, dolce und deckten das Klavier zu. Am Schluss (vor dem letzten Solo) fehlte im Orchester etwas die Spannung.

Das Rondo schließlich wurde von Anna Vinnitskaya forsch, vorwärtsdrängend angegangen; der Satz war virtuos gespielt, doch schienen ihm im Solopart oftmals gestalterische Konturen zu fehlen, vielleicht auch Kraft, was dazu führte, dass die Solistin öfter dazu tendierte, zu beschleunigen. Im Gegenzug war das Orchester des öfteren mit dem Solopart (ebenso intern, z.B. im Fugato) schlecht koordiniert. Durch das ganze Rondo erschien mir die Impulsübergabe zwischen Solo und Orchester nicht ideal – ein Bild, das auch eine hinreißende letzte Kadenz nicht zu korrigieren vermochte.

Rafael Payare © Luis Cobelo
Rafael Payare
© Luis Cobelo

Mit der Zehnten Symphonie von Dmitrij Schostakowitsch kam die Stunde des Dirigenten: er dirigierte das Werk auswendig, bewies detaillierte Kenntnis und Vertrautheit mit der Partitur, mit anderen Worten: er fühlte sich in dieser Musik offensichtlich ganz zu Hause. Das zeigte sich an seinem klaren Konzept, dem Fehlen jeglicher Unsicherheit, der sehr sorgfältigen Umsetzung, besonders in der Dynamik. Das schien aufs Schönste auf das Orchester auszustrahlen: es präsentierte sich in dieser Symphonie von seiner allerbesten Seite. Speziell gefielen mir der wunderbare, runde, im Fortissimo dichte Streicherklang und die Holzbläser (insbesondere die Klarinetten). Die schier endlosen Achtelketten in den Violinen waren nicht maschinell gespielt, sondern klar gestaltet.

Im grimmig-martialischen, virtuosen zweiten Satz (Allegro) zeigte sich das Orchester erneut in Bestform: es musizierte souverän und konzentriert, mit exzellenter Koordination, ebenso in der Dynamik kontrolliert und differenziert. Es sei dahingestellt, ob der Komponist bei der Niederschrift wirklich Stalin porträtieren wollte, oder ob ihm diese Charakterisierung erst nachträglich passend schien – faszinierende Musik ist es allemal.

Auch das Allegretto ist manchmal rhythmisch fast martialisch, es dominieren aber die beschaulichen, oft spielerischen Partien. Mir gefielen die akkuraten Staccati und die vorbildlich koordinierten Pizzicati. Wieder überzeugte der warme, volle Streicherton sowie das sehr schöne Violinsolo im letzten Teil, bei dem ich mir anfangs nicht im Klaren darüber war, ob es mich an Vogelrufe erinnerte, oder ob hier eine clowneske Szene dargestellt werden soll (am Schluss definitiv letzteres).

Der letzte Satz (Andante) beginnt gemächlich. Langsam baut sich Spannung auf, und nach einem Klarinettensignal findet man sich in einem rasanten, fulminanten Allegro mit fugierten Teilen: bis zum Schluss eine orchestrale Glanzleistung mit ausgezeichneten Bläsersoli (speziell bei den Holzbläsern) und Streichern, perfekt koordiniert, durchweg virtuos, ein beachtliches Klangvolumen aufbauend. Ich fand auch, dass die trockene Akustik des Opernhauses für diese Musik ideal war, sie geradezu unterstützt hat. Dirigent und Orchester haben sich ihr starken Publikumslob redlich verdient: die Symphonie machte die Unvollkommenheiten im ersten Programmteil vergessen.