Der Zahl drei sagt man von Alters her Magisches nach: drei Weise aus dem Morgenland, drei goldene Haare auf dem Haupt des Teufels, drei Haselnüsse, drei Versuche, drei Wünsche. Auch das Konzert der Philharmonia Zürich stand im Zeichen der magischen Zahl – drei Werke: die Dritte von Rachmaninow, das Dritte von Prokofjew, und als Eingangswerk die Suite Nr. 3 aus Antiche danze e arie per liuto von Respighi.

Jean-Efflam Bavouzet © Paul Mitchell
Jean-Efflam Bavouzet
© Paul Mitchell
Letzteres verarbeitet in vier Sätzen Lautenmusik unbekannter und anonymer Komponisten aus dem Barock, dennoch tönt die Suite vertraut, wurde möglicherweise zu oft gespielt? Es ist der Versuch, alte Werke wiederzubeleben, sie in gefälliger Orchesterfassung einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Dies in einer Zeit, als der Blick auf den Barock durch die romantische Tradition „verstellt“ war. Inzwischen hat sich das zum Glück geändert, und in diesem Konzert wurde die Sicht auf den Barock im doppelten Sinne gebrochen: Gianandrea Noseda hat Respighis Suite vom Ballast übermäßiger Schwülstigkeit (starkes Rubato und ein Übermaß an Vibrato) befreit und ist so vielleicht dem Original wieder eine Spur näher gerückt.

Seine Interpretation war elegant, leicht, die großen Bögen, die Wellen der Dynamik herausarbeitend, mit Schwung und großen, oft sogar heftigen Gesten sowohl beim Dirigenten wie im Ausdruck. Mir gefiel das virtuose Orchesterspiel, der warme, manchmal kernige Ton der reinen Streicherbesetzung, die Präzision in den Pizzicati, die sorgfältig ausgearbeitete Dynamik, die ausgezeichnete Transparenz, der wohldefinierte Klang selbst im leisesten, sanftesten ppp. Noseda wählte flüssige Tempi; so fühlte sich der dritte Satz, eine Siciliana, trotz zwischenzeitlicher, heftiger Ausbrüche an wie ein leichter Walzer. Die arpeggierten Stellen des vierten Stücks hingegen, eine Passacaglia, erinnerten an Bachs Sonaten und Partiten für Violine solo.

Solist im folgenden Klavierkonzert Nr. 3 von Prokofjew war Jean-Efflam Bavouzet, der mit Noseda (und der BBC Philharmonic) schon sämtliche Konzerte dieses Komponisten eingespielt hat. Ein bewährtes Duo, sollte man also annehmen. Bavouzet ist mit dem Konzert natürlich bestens vertraut, er spielte mit kräftigem Zugriff, jedoch sehr rasch und flüssig, präzis, dabei elegant, nicht gehetzt, und ohne eine Miene zu verziehen, fast selbstversunken, wenn nicht gar asketisch, selbst in virtuosesten Passagen. Er suchte kaum den Blickkontakt zu den Mitmusikern, überließ die Koordination dem Dirigenten. Im Orchester dominierten wieder die großen Gesten, aber auch die lyrischen Momente kamen zu ihrem Recht. Allerdings gab es bereits im ersten Satz Passagen, in denen der Klangkörper von Bavouzets Tempo bis an die Grenze gefordert war; mir schienen auch die humorigen Aspekte im letzten Teil zu kurz zu kommen.

Das Andantino-Thema erklang warm, sanft, weich, fast zart, poetisch. Der Pianist hat hier die Möglichkeit, die Melodie im Diskant etwas mehr zu gewichten und damit die ansprechende Kantilene hervorzuheben. Bavouzet vergab diese Option; seine Darbietung des Themas tönte deshalb vielleicht dissonanter als bei anderen Solisten. Das Andantino meditativo-Segment erinnerte an die flimmernde Hitze eines Sommertags, blieb aber trotz gespannter Erwartungshaltung spielerisch. Leider litt der Schluss an Koordinationsproblemen, was auch an der großen Distanz zwischen Piano und den Bläsern gelegen haben kann.

Die Koordination war auch im letzten Satz problematisch, wobei die Philharmonia Zürich in sich relativ geschlossen blieb: manchmal schienen Dirigent und/oder Orchester nach einem Wechsel zu rascherem Zeitmaß einige Zeit benötigten, sich auf das neue Tempo des Pianisten einzustellen. Zu den positiven Aspekten zählte für mich, dass durch die Opernhaus-Akustik zeitweilig der Eindruck eines intimen Kammerspiels entstand, aber insgesamt war es eine zu sehr auf Geschwindigkeit und (allerdings nicht extrovertierte) Virtuosität getrimmte Interpretation.

Gianandrea Noseda © Sussie Ahlburg
Gianandrea Noseda
© Sussie Ahlburg
Rachmaninows Symphonie Nr. 3 begann mit einem leichten Misston. Die ersten vier Takte spielen die Soloklarinette, das gestopfte erste Horn und das Solocello pp und unisono: bei den großen Distanzen auf der Opernhausbühne sehr anspruchsvoll – und leider nicht ganz geglückt. Danach gab es allerdings nur Erfreuliches zu berichten. Mir schien, dass Rachmaninows raffinierter Orchestersatz von der trockenen Akustik durchweg profitierte: zwar fehlte die Unterstützung durch etwas Nachhall, dafür blieb die Musik durchhörbar bis ins Detail, wurde nie schwülstig (zumal bei Gianandrea Nosedas flüssigem Zeitmaß), der Hörer wurde nicht erdrückt von den Klangmassen. Man konnte sich ganz den aufblühenden, sehnsüchtigen Melodien hingeben und dazwischen die Virtuosität des Orchesters und die raffinierte Instrumentierung bewundern. Das Violinsolo der Konzertmeisterin Hanna Weinmeister passte ausgezeichnet ins Bild: schlicht, ohne übertriebenes Vibrato.

Der Mittelsatz war wunderbar stimmungsvoll, melodienselig und klangschön (zeitweilig ein weiteres Kammerspiel!), aber spannend im Mittelteil mit seinen dramatischen Entladungen. Der kontrastierende Schlusssatz bot dem Orchester nochmals Gelegenheit, seine virtuosen Fähigkeiten zu demonstrieren, wobei jedoch in den leisen Partien auch die intimen, lyrischen Aspekte wiederum nicht zu kurz kamen. Insgesamt machte für mich die Symphonie den Eindruck einer „klassischen“, auf Klarheit und Transparenz bedachten Interpretation, mindestens ebenbürtig zu denen bekannter Spitzenorchester, in manchen Aspekten sogar überlegen: wo sonst bekommt man Rachmaninow in dieser Klarheit geboten?