Wenn man zum ersten Mal zum Kieler Schloss kommt, ist man von der Architektur äußerst überrascht, denn es handelt sich beim Kulturzentrum Kieler Schloss um einen Bau aus den sechziger Jahren im selbem Stil. Drinnen jedoch befindet sich ein kleiner Konzertsaal, dessen Architektur dann aber äußerst positiv überrascht: Bis auf die ersten drei Reihen überragen alle anderen Sitzplätze in moderner Konzertsaalarchitektur ausnahmslos das Orchester. Die räumliche Enge hatte zur Folge dass ich in Reihe zwei nur drei Meter vom Orchester entfernt saß. Das war akustisch nicht einfach, zur Beobachtung jedoch vortrefflich.

Julian Steckel © Marco Borggreve
Julian Steckel
© Marco Borggreve

Die Kieler Philharmoniker traten in großer Symphoniebesetzung mit drei Schlagwerkern auf, und sogar die dem Konzertsaal eigene Orgel wurde an diesem Abend gespielt. Das Konzert eröffnete jedoch der Wassermann von Antonín Dvořák, den das Ensemble in den Streichern mit weiten Bewegungen und der Bemühung, Raum zu schaffen begann. Das Orchester brauchte etwa die Hälfte des Werkes, um sich zu finden; zuvor schienen die Instrumentengruppen nicht so sehr miteinander als nebeneinander zu spielen. Dann jedoch war das Problem verflogen, und auch anfängliche Abstimmungsprobleme in den Bläsern wichen klar in den Raum gestellten Tönen.

Das dem folgende Cellokonzert von Bohuslav Martinů wird sehr selten gespielt – leider, ist es doch ein unterhaltsames und attraktiv ausgefeiltes Konzert. Allen Musikern merkte man eine gewisse, gespannte Erwartung und die Neugier auf diese Musik an. Auch wenn sie das Konzert relativ langsam anlegten, so konzentrierten sie sich von Anfang an umso mehr darauf, die Stellen von hoher Energie gut zu übertragen. Gerade die Melodiepassagen stellte das Orchester sehr selbstbewusst zusammen und auch die Wechsel zwischen Sololinien und Orchestereinwürfen gestalteten die Musiker mit viel Maß und Akkuratesse.

Solist Julian Steckel wirkte währenddessen wie von seinem Instrument elektrisiert und ließ sich von der Musik vollkommen einnehmen. Energisch warf er den Kopf nach vorne und zur Seite, bebte mit den hohen Intensitäten. Es war eine Freude, seiner Betonung von Details zuzusehen. Seine Tongestaltung war in jedem Moment passend, reich und kunstvoll. Die schnellen Wechsel zwischen unterschiedlichen Spieltechniken beging er mit sichtbarer Freude und transportierte so die Stimmungen in der Musik stets als farbenfrohe, akustische Projektion.

Den Anfang des zweiten Satzes entwickelten die Bläser sehr plastisch und legten dabei besonderes Augenmerk auf die Genauigkeit in den dynamischen Nuancen. Spätestens hier fiel jedoch auf, dass Dirigent Christoph König das Orchester nur mäßig forderte. Die Musiker spielten laute, breite Passagen mit viel Energie aus, um dann wieder das Wechselspiel zwischen Solist und Orchester hervorzuheben, doch sein gestalterisches Konzept war dem Hörer oft nicht unmittelbar ersichtlich.

Den dritten Satz spielte das Orchester dann erfreulich unprätentiös und immer die eigentliche Dynamik der Musik betonend. Die Musiker strahlten hier trotz der energetischen Wechsel immer Sicherheit aus, und man erlebte deutlich ihre große Freude an der Gestaltung der Feinheiten. Dann forderte auch der Dirigent konkrete Gestaltung in Dynamik und rhythmischer Variation ein und formte ein starkes Ende dieses Werkes. Julian Steckel bedankte sich beim Publikum mit einem weiterhin in Details brillanten und perfekten Vortrag des Marsches aus der Musik für Kinder von Sergej Prokofjew bedankte.

Nach der Pause Folgte dann Taras Bulba von Leoš Janáček, eine symphonische Rhapsodie, die für mich die Überraschung des Abends war und die erstaunlich abwechslungsreich und erzählend vorgetragen wurde. Gleich zu Beginn des ersten Satzes fiel der Konzertmeister des Orchesters Maximilian Lohse mit der Solostimme auf, die er durch genau dosierten Vibratoeinsatz mit der nötigen Wehmut interpretierte, sicher getragen von seinen Streicherkollegen. Das Orchester schien die Musik als Ereignis anzusehen und nutzte die vielfältige Instrumentierung geschickt, um die Erzählung gut auszumalen. Alle Musiker spielten mit viel Liebe, schienen teils dem Orchesterklang nachzuhorchen die Gestaltungen ihrer Mitmusiker mitzuverfolgen. Die Instrumentengruppen kommunizierten rege miteinander und konzentrierten sich auf die erzählerische Darstellung der Geschichte des Kosaken Taras Bulba und seinen beiden Söhnen, denn wieder schien der Dirigent wenig Richtung vorzugeben und hielt sich mit einer eigenen Note sehr zurück.

Besonders eindrucksvoll war die Darstellung des Todes von Ostap, Bulbas älterem Sohn, das die Musiker ein breitem dynamischem Spektrum entwickelten und die Bläser sich prominent im Wechselspiel untereinander zeigten. Leider war die Orgel im Gesamtzusammenhang etwas leise, konnte aber zum Glück dennoch das im Klangspektrum wichtige, unterstützende Element sein, um dann im dritten Satz das auffällige Zusammenspiel mit den Bläsern einprägsam darzustellen. Nach dem aufregend majestätischen Ende und gaben die Musiker als vorbereitete Zugabe den Tanz der Komödianten von Bedřich Smetana. Die schiere Geschwindigkeit und Energie schien die Musiker hier dann doch leicht an ihre Grenzen zu bringen, der äußerst beherzte Vortrag machte dies jedoch für das Publikum unerheblich.

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