Beobachtete man Yannick Nézet-Séguin beim Dirigieren, musste man unwillkürlich an einen Fußballcoach denken. Seine Coaching-Zone war das Dirigentenpult und die nutzte er bis zum letzten Zentimeter aus. Ob im Fußball der Erfolg exponentiell steigt, je mehr sich ein Trainer in seinem Coachingbereich echauffiert, ist unklar; ganz eindeutig war es dagegen bei Nézet-Séguin: Mit seiner Coaching-Taktik gelang ein musikalischer Sieg in einer einzigartigen Teamleistung.

Yannick Nezet-Seguin © Hans van der Woerd
Yannick Nezet-Seguin
© Hans van der Woerd
Die Rotterdamer Philharmoniker sind zur Zeit auf Tournee durch ganz Europa und machten dabei in der vergangenen Woche auch Halt in der Elbphilharmonie. Vielleicht war die Premiere im neuen Superstar der deutschen Konzertsäle ein Grund für den phänomenalen Auftritt in der Münchner Philharmonie: Bereits mit der symphonischen Suite On the Waterfront fesselten die Musiker mit kantigen und rhythmischen Motiven. Doch Nézet-Séguin beließ es nicht bei den effektvollen, teils brachialen Ausbrüchen, sondern arbeitete auch die lyrischen Passagen des Mittelteils sehr differenziert heraus. Die 1955 entstandene Filmmusik zum Film On the Waterfront, der den deutschen Titel Die Faust im Nacken trägt, erhielt eine Oscarnominierung und erzählt von einer skrupellosen Gewerkschaft in Hoboken, New Jersey. Nézet-Séguin gelang es meisterhaft, die Milieuschilderungen zu formen und mit teils ohrenbetäubender Ausdruckskraft, atemlosen, ekstatischen Rhythmen und schonungslosen Kontrasten heraufzubeschwören.

Auf Bernsteins extravagante Instrumentation folgte im großen Kontrast Chopins Erstes Klavierkonzert, das das Augenmerk eindeutig auf den Solisten legt und dem Orchester die Rolle des Begleiters zuweist: Bei einer Aufführung in Wien zum Beispiel spielte Chopin das Konzert alleine auf der Bühne, während das Orchester unsichtbar im Operngraben musizierte!

Der gebürtige Kanadier Jan Lisiecki räumt dank seiner polnischen Wurzeln dem Werk Chopins einen großen Stellenwert in seinem Repertoire ein und trotz seiner erst 21 Jahre zeugte seine Interpretation des Konzerts bereits von einer unglaublichen Hintergründigkeit und Musikalität wie sie selten zu hören ist. Besonders den umfangreichen Kopfsatz gestaltete Lisiecki mit spannungsgeladenen, perligen Läufen, die technisch perfekt waren und gleichzeitig von feiner Melancholie angetrieben wurden. Das Larghetto, von Chopin als „Romanze“ bezeichnet, interpretierte Lisiecki sehr reduziert und ohne überbordende Emotion. Allerdings gelang es ihm, eine Stimmung zu kreieren, die mit gelegentlichen Tempovariationen eine luftige Leichtigkeit bekam. Nicht zuletzt hier wurde offenbar, wie gut Lisiecki und das Orchester zusammenarbeiteten und sich aufeinander einstellten. Dennoch fragte man sich als Zuschauer nach dem tänzerischen und fröhlichen Finale verwundert, wie Lisiecki in seinem Alter bereits solch emotionale und mitreißende Interpretationen gelingen können.

Jan Lisiecki © Holger Hage
Jan Lisiecki
© Holger Hage

Nach der Pause rundete das RPO sein Programm mit Dvořáks Achter Symphonie ab, deren heiterer Charakter bei Nézet-Séguin ein Feuerwerk an packenden und erzählkräftigen Klangbildern wurde. Schon im ersten Satz präsentierte das Orchester ein so energiegeladenes, feuriges Spektakel, dass man sich sorgte, dass im Finale keine Steigerung mehr möglich wäre. Diese Sorge war allerdings unbegründet, denn mit fanfarenartigem Blech, das sich heroisch über den Orchesterklang aufschwang, und entfesselten Streichern trieb Nézet-Séguin sein Orchester zu Höchstleistungen an. Dazwischen bot das RPO ein Adagio, das wie eine Hommage an Dvořáks slawische Heimat anmutete und sehr detailreich gestaltet war, und im Anschluss ein Scherzo, das nicht nur den edlen Klang der Holländer in Szene setzte, sondern auch durch die Philharmonie zu schweben schien.

Während Nézet-Séguin die Musiker mit ausladender Gestik anspornte, wurde offenbar, um was es dem Kanadier in seiner Interpretation ging: Emotion, Spannung und Spaß an der Musik. Ein großes Lächeln begleitete ihn über weite Strecken des vierten Satzes und so viel Freude übertrug sich wie selbstverständlich auf das Publikum der Philharmonie, das Orchester, Dirigenten und Solisten ausgiebig feierte.